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Es war ein Abend, an dem der Ball wohl lieber Ziege als Fußball gewesen wäre - zumindest, wenn man die Los Angeles Goats so spielen sah. Vor 48.471 Zuschauern im sonnendurchglühten "Goat Dome" zerlegten die Hausherren den FC Tapatio mit 6:3 und lieferten dabei eine Vorstellung, die irgendwo zwischen Zirkusnummer und Offensivlehrstunde pendelte. Trainer Liam Capo grinste hinterher: "Ich hab den Jungs gesagt, sie sollen Spaß haben - aber keiner hat erwähnt, dass sie dabei den Gegner in Einzelteile zerlegen." Von der ersten Minute an war klar, wer hier den Takt vorgab. Die Goats pressten, als hinge ihr Leben davon ab, und schoben die Tapatios tief in die eigene Hälfte. Schon in der 10. Minute klingelte es zum ersten Mal: Tyler Ashton, der rechte Flügelflitzer, zog nach feinem Zuspiel von Caio Moutinho humorlos ab - 1:0. Drei Minuten später dasselbe Duo, derselbe Ablauf, nur dass Ashton diesmal sogar Zeit hatte, sich den Staub vom Schuh zu pusten, bevor er zum 2:0 einschlenzte. "Ich dachte, er schießt nie!", lachte Moutinho später, "aber wenn er’s tut, dann meist mit Folgen." Die Goats ließen nicht locker. In der 16. Minute war es Harvey Morriss, der nach einem weiteren Zuckerpass von Moutinho den Ball mit dem linken Fuß über den Keeper hob - 3:0. Das Stadion bebte, Capo klatschte, und die Ziegenfans blökten im Chor. Doch wer dachte, das Spiel wäre gelaufen, hatte die mexikanische Mentalität der Gäste unterschätzt. Gustav Pettersson, gerade einmal 20 Jahre jung, nutzte in Minute 26 eine Unachtsamkeit in der Goats-Abwehr und schob aus kurzer Distanz ein - 3:1. FC-Trainer San Santa schrie von der Seitenlinie: "Endlich zeigen wir, dass wir auch noch leben!" Nach der Pause änderte sich wenig am Bild. Die Goats blieben gierig. Laurent Astruc traf in der 49. Minute nach Vorlage von Greger Brun - 4:1. Man hätte meinen können, die Kalifornier hätten genug, aber Fehlanzeige: Sie wollten offenbar jeden Zuschauer persönlich bespaßen. Dann aber bekam Tapatio seine fünf Minuten Ruhm. Zwischen der 62. und 64. Minute schlugen sie doppelt zu: Erst Ingo Ze Castro, dann der eingewechselte Sergi Nani - plötzlich stand es nur noch 4:3. Die Goats-Fans rieben sich die Augen, Trainer Capo brüllte: "Wacht auf, ihr seid keine Eisskulpturen!" Die Antwort kam prompt. Nur zwei Minuten nach Nanis Treffer packte Moutinho selbst den Hammer aus. Von der Strafraumkante zog der Brasilianer ab und traf sehenswert zum 5:3. "Ich wollte einfach mal zeigen, dass ich nicht nur Vorlagen geben kann", grinste er später. Der Schlusspunkt war dann wieder einer für die Galerie. Harvey Morriss, längst Publikumsliebling, wurde in der 89. Minute von Asen Boschinow mustergültig bedient und versenkte den Ball zum 6:3-Endstand. Ein Treffer, so fein, dass selbst FC-Keeper Petar Lazovic kurz applaudierte - wenn auch wohl eher aus Fassungslosigkeit. "Wir waren vorne brillant und hinten… sagen wir: experimentierfreudig", resümierte Capo mit einem Augenzwinkern. "Aber das passt, wir sind hier schließlich in Hollywood." Sein Gegenüber San Santa wirkte weniger amüsiert: "Wenn du drei Tore auswärts schießt und trotzdem verlierst, weißt du, dass du ein Problem hast." Statistisch unterstrichen die Goats ihre Dominanz: 22 Torschüsse zu 7, 54 Prozent Ballbesitz und eine Tacklingquote von 55 Prozent. Die Gelben Karten für Boschinow (86.) und Itzik (88.) störten da kaum den Gesamteindruck - eher kleine Schönheitsfehler in einem ansonsten wilden, aber erfolgreichen Spektakel. Nach dem Abpfiff standen viele Fans noch lange in den Gängen. "So was sieht man nicht jeden Tag", meinte einer, "sechs Tore und keiner verletzt - das ist in dieser Liga fast schon Romantik." Vielleicht war’s kein perfektes Spiel, aber ein perfekter Abend für Offensivfreunde. Und während die Sonne über Los Angeles unterging, rief ein Fan von der Tribüne: "Mehr Ziegen, weniger Taktik!" - eine Forderung, die Liam Capo vermutlich sofort unterschreiben würde. Denn wenn die Goats weiter so spielen, wird bald nicht nur in der Challenger League über sie geblökt. 15.10.643990 23:34 |
Sprücheklopfer
Das Gegentor fiel zum psychologisch ungünstigsten Zeitpunkt. Aber man muss an dieser Stelle auch einmal die Frage stellen, ob es Gegentore gibt, die zu einem psychologisch günstigen Zeitpunkt fallen.
Christoph Daum