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34419 Zuschauer hatten sich an diesem kühlen Januarabend im altehrwürdigen Bramall-Lane-Stadion eingefunden - und sie sollten zunächst auf ihre Kosten kommen. Der FC Sheffield legte los, als hätte Trainer Erich Speithvenne seine Spieler mit doppeltem Espresso und einer Motivationsrede Marke "Rocky Balboa" in die Partie geschickt. Schon nach zwölf Minuten zappelte der Ball im Netz: Pieter Vrooman, der 31-jährige Mittelfeldmotor, traf nach feiner Vorarbeit von Lucas Lansbury zum 1:0. Ein Treffer, der so präzise war, dass selbst die Kameras kurz den Fokus verloren. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", lachte Speithvenne später, "aber Pieter hat wohl andere Augen als wir Normalsterblichen." Die Manchester Devils wirkten in dieser Phase wie ein Haufen Touristen, die versehentlich in ein Fußballspiel geraten waren. Ihre Offensive um Logan Nolan und Rafet Kisa suchte noch nach der Steckdose, während Sheffields Defensive mit Theo Preston und Vladimir Svento die Lichter ausknipste. Erst kurz vor der Pause kamen die Gäste zu nennenswerten Abschlüssen - und das lag weniger an ihrer Genialität als an einem leichtsinnigen Fehlpass von Bosworth, der prompt ein Raunen durchs Stadion jagte. Doch wer die Devils kennt, weiß: Sie sind wie schlechte Gäste - sie gehen einfach nicht, bevor sie nicht alles umgeräumt haben. Nach dem Seitenwechsel drehte Trainer Reto Klopfenstein an den richtigen Stellschrauben. "Ich habe den Jungs gesagt: Wenn ihr schon den Teufel im Namen tragt, dann benehmt euch auch so", verriet der Schweizer mit einem Grinsen. Und plötzlich sah man, was er meinte. Die Devils übernahmen die Kontrolle, ließen den Ball laufen und Sheffield hinterherhecheln. 55 Prozent Ballbesitz standen am Ende auf dem Statistikzettel, doch gefühlt waren es 80. Immer wieder rollten die Angriffe - Boulanger und Pastorino spielten wie aufgezogen, während Youngster Jeno Bozsik im Mittelfeld Regie führte, als sei er ein 30-jähriger Maestro. In der 66. Minute fiel dann der verdiente Ausgleich: Bozsik fand mit einem Pass durch die Schnittstelle Logan Nolan, der den Ball mit der Ruhe eines englischen Gentleman ins lange Eck legte - 1:1. Der Jubel der mitgereisten Devils-Fans war so laut, dass selbst die Möwen über dem Stadion erschrocken abdrehten. Sheffield versuchte zu reagieren, brachte Lucas Bridges und den flinken Clément Melis, doch der Schwung war dahin. Als dann auch noch Abwehrmann Tobias Ludwig in der 77. Minute nach einer Ecke den Ball per Kopf über die Linie drückte, war der Teufel endgültig los. 1:2 - und das ausgerechnet durch einen Innenverteidiger! "Ich wusste gar nicht, dass ich so hoch springen kann", grinste Ludwig später und fügte trocken hinzu: "Vielleicht lag’s am neuen Shampoo." Die letzten Minuten waren ein Sturmlauf der Gastgeber - oder zumindest der Versuch davon. Hoskins prüfte den Devils-Keeper zwei Mal, bekam in der 68. Minute Gelb für ein übermotiviertes Einsteigen, und Oscar Morrison holte sich kurz vor Schluss ebenfalls den gelben Karton ab. "Wir wollten zeigen, dass wir noch leben", meinte der Verteidiger nach dem Spiel mit einem Achselzucken. Am Ende blieb es beim 1:2 aus Sicht der Hausherren - eine bittere, aber lehrreiche Niederlage. Die Zahlen sprachen eine deutliche Sprache: 7 Torschüsse für Sheffield, 16 für die Devils. Ballbesitz, Zweikampfquote, Laufleistung - alles leicht zugunsten der Gäste. Trainer Speithvenne nahm’s mit Galgenhumor: "Wir haben die erste Halbzeit gewonnen, die zweite verloren. Vielleicht sollten wir künftig einfach früher abpfeifen." Klopfenstein konterte trocken: "Ich habe meinen Jungs gesagt, sie sollen geduldig bleiben. Wir sind keine Sprinter, wir sind Marathonläufer - nur mit roten Trikots." Manchmal entscheidet eben nicht die wuchtige Anfangsoffensive, sondern die Geduld. Und so gingen die Devils mit drei Punkten nach Hause, während Sheffield zurückblieb - mit hängenden Köpfen, aber einem Publikum, das trotz allem applaudierte. Ein älterer Fan brachte es auf dem Weg zur U-Bahn auf den Punkt: "Schöner Mist. Aber wenigstens war’s kein 0:0." Ein Satz, den man sich für viele englische Fußballabende wünschen würde. 21.04.643987 04:29 |
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Torsten Legat