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Wenn 52.000 Zuschauer im Old Trafford - pardon, im "Devils Dome" - schon nach zwei Minuten jubeln, dann ahnt man Großes. Doch am Ende des Achtelfinal-Hinspiels der Conference League zwischen den Manchester Devils und Veilchen Wien stand ein ernüchterndes 1:1. Ein Ergebnis, das den Engländern so gar nicht schmecken dürfte, während die Österreicher mit einem breiten Grinsen den Heimflug antraten. Dabei fing alles an wie gemalt. Kaum hatte der Stadionsprecher das Wort "Konferenz" ausgesprochen, zappelte der Ball schon im Netz. Jean-Pierre Bettencourt, der französische Wirbelwind auf der rechten Seite, traf in der zweiten Minute nach feiner Vorarbeit von Manuel Pastorino. "Ich hab einfach draufgehalten. Der Ball wollte wohl auch mal ins Tor", grinste Bettencourt später in die Mikrofone. Die Devils spielten in der Anfangsphase wie entfesselt, offensiv eingestellt, voll im Vorwärtsgang - ganz so, wie es Trainer Ronnie Ekström liebt. Doch wer die Wiener unterschätzt, wird schnell eines Besseren belehrt. In der siebten Minute, als die Gastgeber noch über den nächsten Angriff nachdachten, hebelte Carl Pfeiffer mit einem Pass in die Tiefe die Abwehr aus. Der 20-jährige Nils Decker, sonst eher schüchtern im Interview, zeigte plötzlich die Kaltschnäuzigkeit eines Routiniers und schob eiskalt zum 1:1 ein. "Ich hab eigentlich nur die Augen zugemacht und gehofft, dass keiner pfeift", flachste der Jungspund später. Fortan entwickelte sich ein Spiel, das eher an Schach als an Spektakel erinnerte. Manchester rannte an, Wien stand tief. 15 Torschüsse der Devils gegenüber drei der Gäste sprechen eine klare Sprache - nur das Ergebnis tat es nicht. Mika Kuqi, der bullige Mittelstürmer, prüfte Keeper Fabio Velasquez gleich mehrfach. Der 35-jährige Spanier im Wiener Tor zeigte, warum Erfahrung manchmal mehr wert ist als Sprungkraft. "Wenn du 15 Jahre lang Bälle um die Ohren bekommst, bleibt irgendwann Ruhe", sagte er abgeklärt. Die Veilchen verteidigten mit Leidenschaft und einem Hauch Glück. Timur Nikolischin holte sich in der 54. Minute die einzig gelbe Karte des Abends ab - ein taktisches Foul, das seine Trainerin Sonja Leder mit einem zufriedenen Nicken quittierte. "Wenn wir nicht hinlangen, verlieren wir hier 1:4", erklärte sie nach dem Spiel mit entwaffnender Ehrlichkeit. Ihre Mannschaft spielte diszipliniert, ließ sich vom Offensivwirbel der Devils kaum aus der Ruhe bringen und suchte ihr Heil in kontrollierten Pässen statt in waghalsigen Kontern. Die zweite Halbzeit wurde zum Geduldsspiel. Manchester hatte zwar mehr Ballkontakte, aber weniger Ideen. Ekström gestikulierte wild an der Seitenlinie, schickte frische Kräfte: Perlman kam für Bancroft, Marini für Tertyschny, Bozsik für Pastorino. "Ich wollte Energie, bekam aber Nervosität", schnaubte der Trainer danach. Tatsächlich wirkte sein Team zunehmend hektisch. In der 78. Minute zog Bettencourt erneut ab - Velasquez parierte glänzend. Drei Minuten später zirkelte Kuqi den Ball nur Zentimeter vorbei. Und als in Minute 85 selbst Rechtsverteidiger Alen Rajic sein Glück mit einem Distanzschuss versuchte, ahnte man: Dieser Ball wollte heute einfach nicht mehr hinein. Die Wiener hingegen spielten ihre Rolle als Spielverderber mit bewundernswerter Konsequenz. Ballbesitz? Mit 55 Prozent leicht zu ihren Gunsten. Torschüsse? Egal. Effektivität war ihr Motto. "Uns reicht auch ein Schuss, wenn er sitzt", witzelte Leder. Nach dem Schlusspfiff mischten sich Frust und Fassungslosigkeit bei den Devils. Bettencourt trat gegen die Werbebande, Kuqi starrte in den Nachthimmel, und Ekström murmelte etwas von "fehlender Gier". Trotzdem versuchte er, die Stimmung zu retten: "Wir haben alles in der Hand. Zuhause hätten wir sie schlagen müssen, also machen wir’s halt in Wien." Die Wiener Spieler feierten das Unentschieden wie einen Sieg. Decker und Haase tanzten kurz auf dem Rasen, als hätten sie gerade den Pokal gewonnen. Vielleicht war es die Freude über das, was kaum jemand ihnen zugetraut hatte: im Hexenkessel von Manchester nicht nur zu überleben, sondern zu bestehen. Und so blieb ein Spiel, das mit einem Feuerwerk begann, in einem Funkenregen der Ernüchterung endete. Die Devils müssen sich fragen, warum 15 Schüsse nicht mehr als ein Tor brachten. Die Veilchen dagegen dürfen träumen - vom Viertelfinale, von einem magischen Abend in Wien und davon, dass vielleicht doch manchmal die Klügeren die Tore schießen. Oder, wie Nils Decker es mit einem schelmischen Lächeln sagte: "Manchmal ist die beste Taktik einfach: überleben und treffen." 21.05.643993 21:07 |
Sprücheklopfer
Man darf das Spiel doch nicht so schlecht reden wie es wirklich war.
Olaf Thon