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Es war ein kalter Januarabend in Schönberg, aber auf dem Rasen brannte die Luft. 2084 Zuschauer trotzen der Eiseskälte, um zu sehen, wie ihr FC Schönberg am 17. Spieltag der Verbandsliga F auf den SV Dessau traf. Und sie sahen — je nach Vereinsbrille — entweder ein Lehrstück jugendlicher Frische oder ein mahnendes Beispiel dafür, dass Erfahrung allein keine Punkte bringt. Am Ende hieß es 1:3 (0:2) aus Sicht der Gastgeber, und das Ergebnis war so verdient wie der Glühwein an der Wurstbude. Der SV Dessau trat mit einer Offensive an, deren Durchschnittsalter kaum über der Führerscheinprüfung lag. Vorne wirbelten die 17-jährigen Knud Döring und Maurice Heinemann, flankiert von Tomas Kaufmann, ebenfalls zarte 17. Schönberg-Coach - dessen Name in den Unterlagen verloren ging, aber dessen Gesichtsausdruck Bände sprach - hatte seinem Team offenbar "Offensivgeist" verordnet, doch die Schönberger wirkten eher wie ein Chor ohne Dirigent. Schon früh zeigte sich das Kräfteverhältnis: Dessau hatte mehr Ballbesitz (knapp 55 Prozent), gewann mehr Zweikämpfe (57 Prozent) und feuerte ganze 21 Schüsse aufs Tor ab. Schönberg kam auf fünf - und das war, ehrlich gesagt, wohlwollend gezählt. In der 26. Minute klingelte es zum ersten Mal. Nach einem langen Pass von Linksverteidiger Nils Römer tauchte Knud Döring frei vor Keeper Pascal Bruns auf. Der 17-Jährige blieb cool wie ein Eiszapfen und schob zum 0:1 ein. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Döring später, "der Ball war drin, also war’s wohl richtig." Sein Trainer Kurt Weill lächelte milde: "Der Junge denkt manchmal nicht nach - und das ist gut so." Schönberg versuchte zu antworten, aber mehr als ein harmloser Schuss von Bernt Schröder in der 34. Minute sprang nicht heraus. Und als dann kurz vor der Pause Dessau wieder zuschlug, war klar, wohin das Spiel lief: Döring traf erneut (40.), diesmal nach einem präzisen Zuspiel von Marcello Campana. Der Ball zischte flach ins Eck, Bruns streckte sich vergeblich. "Da haben wir einfach gepennt", knurrte Schönbergs Innenverteidiger Linus Baer, der später noch Gelb sah, "zwei Teenager rennen uns davon - das ist schon bitter." In der Pause wurde auf den Rängen heiß diskutiert. "Die spielen, als hätten sie WLAN im Ball", raunte ein älterer Schönberg-Fan mit bewundernswertem Sinn für moderne Metaphern. Nach Wiederanpfiff zeigte Schönberg zumindest kurz Lebenszeichen. In der 51. Minute vollendete Routinier Noah Greiner einen feinen Pass von Jürgen Meissner zum 1:2. Der Jubel war laut, aber kurz - zu groß war der Unterschied in Tempo und Mut. "Da dachten wir, jetzt kippt’s vielleicht", sagte Greiner, "aber Dessau war einfach cleverer." Und so kam, was kommen musste: In der 75. Minute machte Maurice Heinemann alles klar. Nach Vorarbeit von Rechtsverteidiger Volker Moser zog der Linksaußen aus 17 Metern ab - ein Schuss wie ein Donnerknall. 1:3. Der Drops war gelutscht, wie man so schön sagt. Danach spielte Dessau die Partie mit bemerkenswerter Ruhe herunter. Selbst als Schönberg noch einmal alles nach vorn warf, blieb die junge Abwehr abgeklärt. "Wir haben kein Pressing gespielt, aber dafür ziemlich guten Fußball", sagte Trainer Weill mit einem Augenzwinkern. Statistisch war das Ganze eindeutig: 21:5 Schüsse aufs Tor, mehr Ballbesitz, bessere Zweikampfquote - Dessau hatte in fast allen Kategorien die Nase vorn. Nur bei der Erfahrung, da lag Schönberg klar vorne - aber das half an diesem Abend so wenig wie ein Regenschirm im Schneesturm. Als der Schlusspfiff ertönte, klatschten die Dessauer Jungs ausgelassen ab, während die Schönberger mit gesenkten Köpfen vom Platz trotteten. Der Stadionsprecher versuchte mit Galgenhumor zu retten, was zu retten war: "Kopf hoch, Männer - nächste Woche gibt’s wieder drei Punkte zu verschenken!" Ein Zuschauer fasste es beim Hinausgehen trocken zusammen: "Die Dessauer waren jung, frech und schnell. Wir waren nur anwesend." Ein Satz, der bleibt - genau wie das Gefühl, dass in Dessau etwas heranwächst, das in dieser Liga noch für Gesprächsstoff sorgen wird. Und Schönberg? Nun ja, vielleicht hilft ein Mannschaftsabend mit VHS-Kurs "Wie stoppe ich einen 17-Jährigen mit Ball". 23.07.643987 07:38 |
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Mario Basler