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Im mit 59.000 Zuschauern prall gefüllten Bristol-Dockyard-Stadion lief am Samstagabend alles so, wie es sich Heimtrainer Phi Ung wohl in seinen kühnsten Träumen ausgemalt hatte: Zwei Tore von Hans Danielsen, ein kämpferischer Auftritt seiner Mannschaft - und am Ende ein 2:1-Sieg gegen den FC Millwall, der zwar nie völlig unterging, aber doch stets ein wenig wie ein Schiff ohne Kompass wirkte. Schon nach neun Minuten schepperte es erstmals. Owen Hannigan schickte mit einem butterweichen Pass den flinken Danielsen auf die Reise. Der zog entschlossen in den Strafraum, ließ Millwalls Verteidiger Isaac Hartshorn wie einen rostigen Poller stehen und versenkte den Ball trocken ins rechte Eck. "Ich hab gar nicht groß nachgedacht", grinste Danielsen später, "ich dachte nur: Wenn ich jetzt treffe, darf ich heute Abend das Dessert aussuchen." Millwall brauchte eine Weile, um den Schock zu verdauen. Zwar hatte Tyler Boyle gleich in der achten Minute eine dicke Chance, doch Torwart Arpad Toth war hellwach - und das blieb er bis zum Schlusspfiff. Die Gäste versuchten es mit kontrolliertem Aufbau, hielten 46 Prozent Ballbesitz und kamen auf zehn Abschlüsse, aber der letzte Biss fehlte. "Wir waren zu brav", schimpfte Trainer Sonny Crocket nach der Partie, "Piraten sollen zubeißen, nicht höflich um Erlaubnis fragen." Bristol dagegen spielte frech, mutig und mit erstaunlich viel Spielfreude. Vor allem Javier Costinha und Ragip Gürsoy wirbelten durch die Millwall-Hälfte, als wollten sie beweisen, dass Flügelspiel keine aussterbende Kunst ist. 13 Schüsse aufs Tor verbuchte die Statistik - und jeder davon schien ein kleines Abenteuer zu sein. Kurz vor dem Halbzeitpfiff musste Ung jedoch einen Schreckmoment verkraften: Linksverteidiger Nico Fiedler humpelte vom Platz, ersetzt durch den jungen Juri Gordijuk. "Ich hab ihm gesagt: Mach einfach so weiter wie Nico - nur schneller!", lachte der Coach später. Gordijuk nahm’s ernst und lieferte eine bärenstarke zweite Hälfte. Nach dem Seitenwechsel kam Millwall entschlossener aus der Kabine. In der 63. Minute belohnte sich das Team: Robert Bancroft bediente Elliot Lockwood, der mit einem wuchtigen Linksschuss den Ausgleich erzielte. 1:1 - und plötzlich roch es nach einer Wende. Doch wer glaubte, die Piraten würden das Ruder aus der Hand geben, hatte die Rechnung ohne Danielsen gemacht. Nur zwei Minuten später, in der 65. Minute, wieder Hannigan als Vorbereiter, wieder Danielsen als Vollstrecker. Diesmal zirkelte er den Ball so präzise über den Millwall-Keeper, dass man glauben konnte, er habe heimlich Billard trainiert. "Wenn’s läuft, läuft’s", meinte der Doppeltorschütze später trocken. Von da an war es ein Spiel auf Messers Schneide. Millwall warf alles nach vorn, wechselte doppelt in der 60. Minute, brachte frische Kräfte für die Flügel und kassierte kurz darauf eine Gelbe Karte durch George Clancy, der offenbar vergessen hatte, dass Grätschen keine olympische Disziplin ist. Währenddessen zog Bristol sich etwas zurück, lauerte auf Konter - und hatte durch Reece Claude kurz vor Schluss sogar die Chance auf das 3:1. Sein Schuss in der 87. Minute ging allerdings knapp vorbei, begleitet vom erleichterten Aufstöhnen der Millwall-Fans. In der Nachspielzeit durfte dann auch Ersatzkeeper Marco Maniche noch ein paar Sekunden Erstligaluft schnuppern, als ihn Trainer Ung in Minute 90 für Toth einwechselte. "Er soll wissen, wie sich Sieg anfühlt, falls er’s mal braucht", erklärte Ung augenzwinkernd. Als Schiedsrichter Howard den Abpfiff ertönen ließ, brach Jubel los. 2:1, drei Punkte, und Danielsen als umjubelter Held des Abends. "Ich hab Hans gesagt, wenn er weiter so trifft, benennen wir das Stadion nach ihm", witzelte Hannigan, der beide Treffer vorbereitet hatte. Statistisch war’s ein Spiel auf Augenhöhe - 53,6 Prozent Ballbesitz für Bristol, 46,4 für Millwall, Tacklingquote fast ausgeglichen. Aber Herz, Mut und Danielsen machten den Unterschied. "Wir haben gespielt, als ginge’s um Gold und Rum", sagte Trainer Ung mit einem Grinsen, das man aus drei Blocks Entfernung sehen konnte. Und so segeln die Bristol Pirates nach dem 30. Spieltag mit vollen Segeln weiter durch die Premier-League-Gewässer, während Millwall wohl erst mal Leck geschlagen im Hafen der Selbstreflexion anlegen wird. Oder, wie ein älterer Fan beim Verlassen des Stadions murmelte: "Zwei Tore, ein Held, und kein einziger Enterhaken nötig - das ist moderner Piratenfußball." 01.01.643988 07:26 |
Sprücheklopfer
Das ist eine Deprimierung.
Andreas Möller