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Ein lauer Winterabend in Modena, 18.321 Zuschauer, leicht dampfende Atemwolken über dem Rasen - und ein Spiel, das eher an eine Schachpartie im Nebel erinnerte als an ein Offensivfeuerwerk. Doch am Ende jubelte Modena Calcio über ein 1:0 gegen Cuoio Cappiano und drei Punkte, die härter erkämpft waren, als es der nüchterne Spielstand vermuten lässt. Die Partie begann, wie sie enden sollte: mit den Gästen im Ballbesitz und den Hausherren mit grimmig zusammengebissenen Zähnen. Trainer Karl Mobby hatte seine Modenesi defensiv eingestellt - "Wir wollten erstmal sehen, ob die anderen überhaupt wissen, was sie mit dem Ball anfangen sollen", grinste er nach Abpfiff. Cuoio Cappiano wusste es durchaus: 63 Prozent Ballbesitz, 13 Schüsse aufs Tor, und doch - kein Treffer. Das Tor des Abends fiel in der 16. Minute. Efthymios Damanakis, rechter Mittelfeldspieler mit der Ruhe eines Schachgroßmeisters, nahm einen Pass von Lubos Ujfalusi auf, drehte sich einmal um die eigene Achse und zog aus rund 18 Metern ab. Der Ball zischte an Freund und Feind vorbei ins lange Eck - Modena führte 1:0, und das Stadion erwachte aus seiner Januarschläfrigkeit. "Ich hab einfach draufgehalten", sagte Damanakis später mit einem Schulterzucken, "und gehofft, dass keiner im Weg steht. War keiner." Danach zog Modena sich zurück, als hätte jemand die imaginäre Zugbrücke hochgezogen. Cuoio Cappiano durfte kombinieren, flanken, dribbeln - alles, nur nicht treffen. Jannik Langer versuchte es mehrfach, mal mit links, mal mit rechts, mal verzweifelt mit dem Kopf. In der 59. Minute zirkelte er den Ball knapp über die Latte, und man konnte Trainer Mobby an der Seitenlinie murmeln hören: "Solang sie das Ziel so finden, brauch ich keine Herztabletten." Cuoio-Trainer - sein Name blieb in den offiziellen Unterlagen ungenannt, vielleicht ein Schutzmechanismus - wirkte nach dem Spiel zerknirscht. "Wir hatten das Spiel in der Hand, aber nicht im Tor", sagte er trocken. Seine Mannschaft spielte gepflegten Ballbesitzfußball, allerdings ohne die letzte Durchschlagskraft. Das lag auch an Modenas Torwart Serge Prudhomme, der in der 70. Minute bei einem Kopfball von Enzo Rocca reflexartig abtauchte und den Ball aus dem Winkel kratzte. Das Publikum quittierte es mit einem erleichterten Raunen, als wäre gerade ein Meteorit an der Stadt vorbeigeflogen. Die zweite Halbzeit bot ein Wechselspiel aus Angriffswellen der Gäste und tapferem Betonmischen der Hausherren. Modenas Verteidiger Giacomo Serra sah in der 25. Minute Gelb - ein Foul, das man wohlwollend als "Einsatzfreude" bezeichnen konnte. "Ich wollte nur zeigen, dass ich da bin", erklärte der 18-Jährige später mit einem Grinsen, das irgendwo zwischen stolz und schuldbewusst pendelte. Cuoio Cappiano drückte weiter, aber Modena verteidigte mit allem, was Beine hat. Selbst Rolf Ibsen, eigentlich Stürmer, war in der Schlussphase öfter im eigenen Strafraum zu sehen als im gegnerischen. "Wir haben das im Training geübt", witzelte er nach der Partie. "Ich bin jetzt quasi Linksverteidiger ehrenhalber." Die Statistik liest sich wie ein Lehrbuchbeispiel für Effizienz: zehn Torschüsse Modena, dreizehn Cuoio, aber das entscheidende Tor fiel für die Gastgeber. Ballbesitz 37 zu 63 Prozent, Zweikampfquote nahezu ausgeglichen - und doch ein Spiel, das Modena irgendwie kontrollierte, ohne je die Kontrolle zu besitzen. In der Nachspielzeit versuchten es die Gäste noch einmal: Dunn hämmerte aus 25 Metern drauf, Prudhomme ließ prallen, aber keiner war da zum Abstauben. Die Zeit lief aus, der Schiedsrichter pfiff ab, und Modena Calcio hatte den dritten Saisonsieg im Sack. "Manchmal ist Fußball einfach gerecht", meinte Trainer Mobby, während er seine Kappe richtete. "Wir haben unser Herz auf dem Platz gelassen - und die anderen ihren Ballbesitz." Sein Gegenüber konnte da nur seufzen. "Wenn man 63 Prozent Ballbesitz hat und nichts draus macht, sollte man vielleicht anfangen, Punkte für Ästhetik zu vergeben." So blieb es beim 1:0 - ein Ergebnis, das wenig spektakulär klingt, aber in der 3. Liga Italien (2. Div) oft den Unterschied zwischen grauem Mittelmaß und Aufstiegsambition bedeutet. Am Ende verließ das Publikum zufrieden das Stadion, einige summten schon den alten Fangesang von Modena, während die Mannschaft vor der Kurve tanzte. Ein Spiel fürs Auge war es nicht - aber eines fürs Herz. Und das schlägt in Modena an diesem Abend ein bisschen stolzer. 06.03.643987 09:13 |
Sprücheklopfer
Das ist das größte Kompliment, was sich eine Mannschaft zuteil werden kann.
Günter Netzer