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Es war einer dieser Abende im Januar, an denen Rio de Janeiro noch dampft, obwohl die Sonne längst untergegangen ist. 31.088 Zuschauer im Estádio São Januário schwitzten, litten und staunten - und am Ende jubelten nur die Gäste: Esmeraldas Goias entführte beim 1:0-Sieg drei Punkte aus dem Hexenkessel von Vasco da Gama. Das Spiel begann mit einem Paukenschlag - allerdings nicht auf der Anzeigetafel, sondern auf der gelben Karte von Schiedsrichter Almeida. Bereits nach zehn Minuten sah Alrik Dahlström, der flinken Linksfuß aus Schweden im Trikot von Goias, Gelb für ein rustikales Einsteigen. "Ich wollte nur zeigen, dass ich wach bin", grinste er später. Wach war er dann tatsächlich in Minute 27, als er sich nach Pass von Abbas Galili ein Herz fasste, zwei Gegenspieler stehenließ und den Ball trocken ins rechte Eck hämmerte. Keeper Teemu Ukkonen flog vergeblich - Goias führte 1:0. Vasco da Gama, unter der Leitung von Trainer Patrick Kunz Gouveia, brauchte eine Weile, um den Schock zu verdauen. "Wir haben uns selbst ein Bein gestellt", seufzte Gouveia nach dem Spiel, "und dann wollten wir zu viel durchs Zentrum." Tatsächlich hatte Vasco zwar mit 52 Prozent den leicht höheren Ballbesitz, aber in den entscheidenden Momenten fehlte die Präzision. Linksaußen Koenraad Sleeper schoss sich zwischen der 51. und 67. Minute fast in Trance - vier Mal zog er ab, vier Mal ohne Erfolg. "Ich dachte irgendwann, das Tor sei verriegelt", sagte er mit einem gequälten Lächeln. Goias verteidigte mit einer beneidenswerten Ruhe. Trainer Björn Lange, ein Mann mit norddeutscher Gelassenheit und brasilianischem Sonnenbrand, wirkte am Spielfeldrand wie jemand, der gerade eine Tasse Tee genießt. "Wir wollten das Spiel kontrollieren, nicht dominieren", erklärte er. Sein Team blieb seiner ausgewogenen Taktik treu - kein wildes Pressing, kein hektisches Ballgeschiebe, einfach geduldig auf den Moment warten. Dabei hatte Vasco durchaus seine Chancen. David Pena und Constantin Nowak prüften Torhüter Alejandro Ziganda mehrfach, der sich am Ende zum heimlichen Helden des Abends aufschwang. In der 93. Minute, als Nowak noch einmal aus 20 Metern abzog, streckte sich Ziganda wie eine Katze auf Koffein und kratzte den Ball aus dem Winkel. Das Stadion hielt den Atem an - und dann nur noch Stille, gemischt mit Staunen. Die Fans von Vasco reagierten mit einer Mischung aus Frust und Fassungslosigkeit. Ein älterer Herr auf der Tribüne rief: "Wir brauchen keine Flügel, wir brauchen Flügelspieler!" - was in diesem Moment sowohl poetisch als auch schmerzhaft wahr war, denn Vasco wechselte die Taktik zur zweiten Halbzeit tatsächlich auf Flügelangriffe. Doch selbst die frische Brise von außen brachte keinen Erfolg. Der junge Mattias Dahlström (17) - kein Verwandter des Goias-Torschützen - durfte von Beginn an ran, musste aber zur Halbzeit raus. "Er hat seine Sache gut gemacht", meinte Trainer Gouveia diplomatisch. Hinter den Kulissen hörte man allerdings, dass der Trainer den Teenager in der Pause fragte, ob er wisse, dass Profifußball nicht auf Playstation stattfindet. Goias nahm das 1:0 mit taktischer Reife über die Zeit. Neben Torschütze Dahlström glänzte vor allem Rechtsverteidiger Joel Caviness, der gefühlt jeden Ball abfing, der in seine Nähe kam. "Ich bin 33, aber ich renne noch wie 25 - nur dass ich danach länger brauche, um wieder zu atmen", scherzte er. Statistisch gesehen hatte Vasco mehr vom Spiel: 14 Torschüsse zu 8, mehr Ballbesitz, mehr Pässe, mehr Seufzer. Doch Fußball ist kein Schönheitswettbewerb. Goias war an diesem Abend schlicht effizienter - oder wie Trainer Lange es trocken formulierte: "Wir haben ein Tor geschossen, sie nicht. Das ist Mathematik, kein Zauber." So verabschiedeten sich die Gäste mit drei Punkten und einem breiten Grinsen in die brasilianische Nacht, während die Heimfans zwischen Samba und Seufzen schwankten. Vasco da Gama bleibt nach drei Spieltagen ohne Sieg - und Trainer Gouveia wird wohl bald erklären müssen, wie man mit 52 Prozent Ballbesitz null Punkte holt. Zum Schluss blieb nur noch ein Spruch auf der Pressetribüne hängen: "Manchmal gewinnt die Mannschaft, die weniger rennt, aber mehr denkt." Goias dachte an diesem Abend einfach klüger - und Alrik Dahlström schoss den Gedanken ins Tor. 22.02.643987 01:24 |
Sprücheklopfer
Wenn kein Sprit im Tank und die Birne leer ist, läuft nichts.
Rainer Calmund