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Es war einer jener Abende, an denen man sich fragt, ob die Heimkabine der Violet Kickers wohl noch unversehrt ist. 27.000 Zuschauer im prall gefüllten National Stadium von Kingston sahen, wie Constant Spring die Gastgeber mit 5:0 (1:0) demütigte - und das mit einer Leichtigkeit, die an ein Trainingsspiel erinnerte. Schon nach acht Minuten stellten die Gäste die Weichen: Innenverteidiger Bruno Corraface (!) stürmte nach vorne, als hätte er heimlich die Position mit dem Mittelstürmer getauscht, und drückte den Ball nach Flanke von Stephane Forsythe über die Linie. "Ich wollte eigentlich nur schauen, ob der Rasen da vorne besser ist", witzelte Corraface später mit einem Grinsen. Der Witz kam an - zumindest bei den Siegern. Die Kickers wirkten nach dem frühen Rückstand zwar bemüht, aber ähnlich gefährlich wie ein nasser Streichholz. Ricardo Ramos prüfte Constant-Spring-Keeper Davide Pircher zweimal, doch dessen Handschuhe schienen aus Beton gegossen. Auch Philip Bode, der Routinier im Sturmzentrum, versuchte es aus der Drehung - aber der Ball landete an der Eckfahne. "Wir haben den Gegner zu sehr respektiert", murmelte Kickers-Trainer (der sich nach dem Spiel lieber nicht namentlich zitieren lassen wollte) in der Pressekonferenz. "Und vielleicht auch ein bisschen das eigene Spielsystem." Ein Reporter hakte nach, ob er das 0:5 als Ausrutscher sehe. "Sagen wir so: Wenn man fünfmal ausrutscht, ist das wohl eher ein Muster." Nach dem Seitenwechsel nahm das Unheil volle Fahrt auf. In der 59. Minute erhöhte Alexandre Hayman nach feinem Zuspiel von - man höre und staune - Bruno Corraface auf 2:0. Nur 15 Minuten später traf Hayman erneut, diesmal nach Vorarbeit des quirligen Dylan Stanton. Hayman, 24 Jahre jung und mit einem Lächeln, das selbst den Pfosten erweichen könnte, sagte nachher: "Ich hab mich einfach gut gefühlt. Und wenn man sich gut fühlt, trifft man halt." Bei den Kickers fühlte sich dagegen niemand gut. Verteidiger Mario Breska kassierte in der 70. Minute Gelb, wohl auch aus Frust. Ein Fan auf der Haupttribüne rief: "Schieß wenigstens den Ball, nicht die Gegner!" - worauf Breska nur müde den Daumen hob. Constant Spring wechselte in der Schlussphase munter durch, brachte den 18-jährigen Rhys Lorring in der Innenverteidigung und den jungen Joseph Baptiste vorne links. Doch statt das Ergebnis zu verwalten, legten die Gäste noch zwei Tore nach: In der 81. Minute traf Jerome Marceau nach Vorlage von Callum Adams, und nur vier Minuten später setzte Dylan Stanton mit einem satten Linksschuss den Deckel drauf. 5:0 - und man hatte das Gefühl, Constant Spring hätte noch ein sechstes gefunden, wenn der Schiedsrichter nicht Gnade gezeigt hätte. Statistisch war es kein totaler Untergang - 48 Prozent Ballbesitz, acht Torschüsse, zwei Gelbe Karten, kein Platzverweis. Aber wer das Spiel gesehen hat, weiß: Diese Zahlen sind so schmeichelhaft wie ein Kompliment von der Schwiegermutter. Constant Spring dominierte in jeder Phase, hatte 17 Abschlüsse und ließ nie Zweifel aufkommen, wer hier die Kontrolle hatte. Trainer Max Wegner von Constant Spring grinste zufrieden in die Kameras: "Die Jungs haben heute gezeigt, dass man auch mit Stil gewinnen kann. Und dass Abwehrspieler Tore schießen dürfen." Corraface, der Held der ersten Halbzeit, stand daneben und ergänzte: "Ich hab’s ja gesagt: Ich bin eigentlich Stürmer im Körper eines Verteidigers." Die Fans der Kickers verließen das Stadion frühzeitig, einige schon nach dem 3:0. Ein älterer Herr in violettem Trikot schüttelte den Kopf und sagte zu seinem Enkel: "Früher konnten die wenigstens verteidigen. Heute verteidigen sie nur noch ihre Ausreden." Ob die Violet Kickers nach diesem Debakel noch an ihre Offensive glauben, bleibt offen. Ihr Pressing, laut Taktikdaten nie wirklich vorhanden, war eher eine höfliche Einladung als ein Angriffsmittel. Constant Spring dagegen spielte von Beginn an offensiv, druckvoll und mit einem sicheren Passspiel - ein Musterbeispiel für Balance und Effizienz. Am Ende stand ein 0:5, das in Zahlen klar, in der Wirkung aber vernichtend war. Die Kickers werden sich schütteln müssen - und vielleicht überdenken, ob "offensive Ausrichtung" auch bedeutet, gelegentlich den Ball nach vorne zu bringen. Oder, wie es ein Fan beim Hinausgehen trocken formulierte: "Heute war’s wie ein Konzert - nur dass Constant Spring alle Soli gespielt hat." Ein Abend, den die Gäste feiern - und die Gastgeber am liebsten vergessen würden. 07.09.643987 15:48 |
Sprücheklopfer
Vieles was darin geschrieben wurde, ist auch wahr.
Werner Lorant über sein Buch 'Eine beinharte Story'