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54782 Zuschauer erlebten an diesem kühlen Februarabend in Cuenca ein Fußballspiel, das alles hatte: Tempo, Drama, Gelbe Karten und einen Innenverteidiger, der sich plötzlich als Torjäger entpuppte. Am Ende setzte sich Conquense im Rückspiel der 2. Runde der Europaliga-Qualifikation mit 3:2 gegen SK Pruszkow durch - ein Ergebnis, das den Gastgebern den Weg in die nächste Runde ebnete, aber die Nerven aller Beteiligten bis zum Anschlag strapazierte. Von Beginn an war klar, dass Trainer Andreas Schs Mannschaft keine Lust auf Abtasten hatte. "Wir wollten gleich zeigen, wer hier das Licht anmacht", grinste der Coach nach dem Spiel. Schon in den ersten Minuten flogen die Bälle gefährlich in den Strafraum von Pruszkow, und Kapitän Mateo Velasquez brachte das Stadion in der 19. Minute zum Beben. Nach feiner Vorarbeit von Jiri Trojan zog der Linksaußen trocken ab - 1:0. Pruszkow wirkte kurz geschockt, fing sich aber schnell. Doch statt des Ausgleichs fiel kurz vor der Pause das 2:0. Ausgerechnet Linksverteidiger Louis Gauthier, der sonst eher für rustikale Grätschen bekannt ist, verwandelte eine Hereingabe von Iker Valdes artistisch in die Maschen. "Ich wollte eigentlich flanken", gestand Gauthier später verschmitzt. "Aber wenn’s schön aussieht, sag ich lieber, es war Absicht." Zur Halbzeit stand es 2:0 - und die Heimfans sangen bereits von Europa. Doch SK Pruszkow kam mit Wut und Präzision aus der Kabine. In der 49. Minute verkürzte Jerzy Augustyn nach Pass von Grzegorz Chalaskiewicz, und plötzlich war die Nervosität auf den Rängen greifbar. Nur zehn Minuten später traf Amadeus Kowalik nach Vorarbeit von Rechtsverteidiger Adrian Kosowski zum 2:2. Der polnische Anhang im Gästeblock explodierte. "Da dachte ich kurz, die Jungs haben den Schalter umgelegt - leider war’s der falsche", knurrte Trainer Stefan Petruck später. Tatsächlich schien Conquense kurzzeitig den Faden zu verlieren. Gelbe Karten für Guillermo Vazquez (10.), Eduardo Cabrera (15.) und später Iker Valdes (91.) zeugten von wachsender Nervosität. Doch das Glück liebt manchmal die Mutigen - oder die mit den breiten Schultern. In der 63. Minute stieg Innenverteidiger Freddie Duverger nach einer Ecke von Velasquez am höchsten und wuchtete den Ball per Kopf ins Netz. 3:2, das Stadion tobte, und Duverger verschwand unter einem Berg jubelnder Mitspieler. "Ich hab gesagt, ich geh mit nach vorn, weil ich groß bin. Jetzt bin ich auch noch torgefährlich", lachte der Franzose nach der Partie. Von da an wurde es ein Abnutzungskampf. Conquense, mit 23 Torschüssen und knapp 51 Prozent Ballbesitz statistisch leicht überlegen, verteidigte mit allem, was Beine hatte. Pruszkow, das nur neun Abschlüsse zustande brachte, drückte bis in die Nachspielzeit, doch Torhüter Rune Jakobsen blieb souverän. Ein letzter Fernschuss von Christopher Preston (85.) zischte knapp vorbei - und dann war Schluss. "Wir haben hintenraus mehr gezittert als angegriffen", gab Coach Sch zu, "aber das gehört manchmal dazu. Europäische Nächte sind nie schön strukturiert, sie sind chaotisch - und genau deswegen lieben wir sie." Sein Gegenüber Petruck nahm’s sportlich: "Wir sind raus, ja. Aber wenn man in Cuenca zwei Tore schießt, kann man sich mit erhobenem Kopf verabschieden. Nächstes Jahr kommen wir wieder - vielleicht nehmen wir dann auch den Schiedsrichter mit nach Hause." Während die Conquense-Spieler sich von den Fans feiern ließen, stand der 17-jährige Aitor Penas, der in der 60. Minute eingewechselt wurde, staunend am Mittelkreis. "Ich hab noch nie so viele Menschen gleichzeitig schreien hören", meinte der Nachwuchsstürmer mit großen Augen. Fazit: Ein Spiel, das in die Conquense-Chronik eingehen wird - nicht wegen taktischer Perfektion, sondern weil Herz, Chaos und Leidenschaft wieder einmal den Unterschied machten. Und irgendwo in Cuenca wird heute Nacht ein Innenverteidiger wachliegen und leise grinsen: Freddie Duverger, die neue Geheimwaffe im Sturm. Oder, wie ein Fan beim Verlassen des Stadions murmelte: "Wenn das so weitergeht, brauchen wir bald keine Stürmer mehr - nur noch mutige Abwehrspieler mit guten Köpfen." 24.07.643990 12:41 |
Sprücheklopfer
Ich habe versucht, den Spielern das Gefühl zu geben, dass sie Fehler machen dürfen. Das haben sie bis auf wenige Ausnahmen gut gemacht.
Rudi Völler