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Ein lauer Juniabend, 16.000 Zuschauer, Möwen über dem Stadion und der Duft von Gyros in der Luft - besser kann Fußball in der 1. Liga Griechenlands kaum starten. Und doch war es weniger ein mediterranes Schaulaufen als vielmehr ein taktisch sauberes Stück Arbeit, das Chersonissos beim 2:0 gegen Rodos ablieferte. Trainer Kersten Rittner hatte seine Elf gewohnt offensiv eingestellt - "Warum sollen wir warten, bis der Gegner ins Rollen kommt?", grinste er vor dem Anpfiff. Schon die ersten Minuten gehörten klar den Gastgebern. Tiago Meira prüfte Rodos-Keeper Manos Argyros früh (6.), und man hatte das Gefühl, dass Chersonissos einfach mehr Lust auf Sonne, Ball und Tore hatte. Rodos dagegen - leicht nervös, leicht blass - versuchte, über Ballbesitz (am Ende 52,6 Prozent) Struktur zu finden. Nur: Struktur ohne Zielstrebigkeit ist im Fußball so fruchtbar wie ein Kaktus im Schneesturm. Zwei harmlose Versuche von Aristodimos Nikolaou und Bodil Hedegaard (12. und 16. Minute) blieben die einzigen Lebenszeichen der Gäste in Halbzeit eins. Dann die 25. Minute: Innenverteidiger Timo Schlotterbeck schickte einen dieser butterweichen Pässe zwischen die Linien, Stürmer Alexander Benett nahm ihn mit der Brust an, drehte sich, schlenzte - und die Kugel zischte in die lange Ecke. 1:0. Die Tribüne vibrierte, und Benett brüllte, als hätte er gerade die Akropolis wiedererobert. "Ich hab’ einfach gespürt, dass der Moment da ist", meinte der 32-Jährige später mit einem Grinsen, das wohl noch bis Heraklion reichte. Rodos’ Antwort? Eine Gelbe Karte. Silvestre Esclapez grätschte mehr aus Frust als aus Notwendigkeit und sah folgerichtig Gelb (22.). Trainer Rittner kommentierte trocken: "Manchmal muss man eben den Ball treffen, nicht die Erinnerung daran." Kurz vor der Pause dann der nächste Nadelstich - und was für einer. Granit Xhaka, der 21-jährige Taktgeber im Mittelfeld, spielte einen Pass, der so präzise war, dass man ihn rahmen könnte. Michael MacLachlan sprintete rechts in den Strafraum, schaute kurz, schoss - 2:0 (45.). "Ich wollte eigentlich flanken", witzelte MacLachlan später, "aber der Ball hatte eigene Pläne." Zur Halbzeit schien das Spiel gelaufen. Rodos versuchte es mit Ballzirkulation, Chersonissos mit cleverem Zeitmanagement. Nach dem Wiederanpfiff brachte Rittner frische Beine - der 19-jährige Manus Dellas durfte ran, ebenso wie der erfahrene Manos Gounaris und der junge Davib O’Shea. "Ich wollte Energie und einen Tick Wahnsinn", erklärte der Coach. Doch statt Chaos gab’s Kontrolle. Chersonissos blieb offensiv, aber mit angezogener Handbremse. Alexander Benett prüfte Argyros noch zweimal (56.), Tiago Meira traf gefühlt alles - nur nicht das Tor (66.). Rodos kam zu zwei zaghaften Gelegenheiten durch Anthimos Kyrastas (54., 60.), aber Torwart Amaury Alvarez erledigte alles, was überhaupt in seine Nähe kam, mit der Gelassenheit eines Mannes, der eher an den Feierabend denkt. Einziger Wermutstropfen für Chersonissos: der gelbe Karton für den jungen Linksverteidiger Archondis Nikolaidis in der 61. Minute - eine Lernminute, wie Rittner später meinte. "Er hat’s gut gemeint, nur etwas zu enthusiastisch." Am Ende stand ein verdienter 2:0-Erfolg - und ein Publikum, das mit stehenden Ovationen verabschiedete. 14 Torschüsse, 55 % gewonnene Zweikämpfe und der Eindruck, dass diese Mannschaft auf Kreta gerade etwas aufbaut, das nach mehr riecht. Rodos hingegen wird sich fragen müssen, warum man mit mehr Ballbesitz so wenig anfangen konnte. Trainerkommentare wurden nach dem Spiel keine mehr gegeben - die Gäste zogen sich wortlos in die Kabine zurück. Chersonissos hingegen feierte. Benett umarmte MacLachlan, Xhaka tippte auf sein Herz. "Das war Teamarbeit - und ein bisschen Sonne hilft auch", sagte er schelmisch. Und während die letzten Fans noch Fotos vom leuchtenden Scoreboard machten, lächelte Trainer Rittner in Richtung Presse: "2:0? Ich hätte nichts dagegen, wenn das unser Standardsieg wird." Vielleicht war es kein Fußballfest mit Feuerwerk, aber es war ehrlicher, kluger Sommerfußball - und am Ende tanzte Chersonissos Rodos nicht nur schwindlig, sondern auch aus dem Stadion hinaus. 21.06.2026 21:34 |
Sprücheklopfer
Zu 50 Prozent stehen wir im Viertelfinale, aber die halbe Miete ist das noch lange nicht!
Rudi Völler