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Ein kalter Februarabend, Flutlicht über der Gellertstraße, 12.414 Zuschauer mit dicken Schals und noch dickeren Erwartungen - und sie wurden nicht enttäuscht. Der Chemnitzer FC hat am 9. Spieltag der 3. Liga Deutschland (2. Div) den Gästen aus Weiler im Allgäu ein Lehrstück in Sachen Effizienz und Spielfreude serviert. 4:2 hieß es am Ende, und die Anzeigetafel leuchtete wie ein sächsisches Grinsen. Dabei sah es zunächst gar nicht nach einem Chemnitzer Feuerwerk aus. In der 27. Minute schockte Felipe Gama die Hausherren: ein trockener Schuss nach feinem Zuspiel von Robin Born - 0:1. "Wir haben kurz gedacht, das wird wieder so ein typischer Chemnitzer Abend", murmelte ein älterer Fan auf der Tribüne, während er die Bratwurst drehte. Aber die Himmelblauen reagierten wie von der Trainerin Beate Merkel per Funkgerät geweckt. Nael Vidigal - 20 Jahre jung, flink wie ein Eichhörnchen mit Espresso im Blut - traf in der 38. Minute zum 1:1. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste der Flügelspieler später, "und der Ball wollte wohl rein, weil’s zu kalt war, um draußen zu bleiben." Nur sechs Minuten später folgte der Moment, über den in Chemnitz noch länger gesprochen werden dürfte: Didier Le Tallec, eigentlich linker Verteidiger, marschierte nach vorne, bekam von Carlos Ramiro eine butterweiche Flanke und köpfte wuchtig ein. 2:1 - die Hütte tobte. "Didier hat wohl vergessen, dass er kein Stürmer ist", witzelte Trainerin Merkel nach dem Spiel. "Aber wenn’s hilft - bitte!" Nach der Pause drückte Weiler kurz auf den Ausgleich, und tatsächlich: Michael Siebert nutzte in der 57. Minute eine Unaufmerksamkeit der Chemnitzer Hintermannschaft, nachdem Nick Scherer das Spiel clever verlagert hatte. 2:2 - plötzlich war wieder Spannung drin. Doch die Freude der Allgäuer währte so kurz wie ein Schneefall im Mai. Nur vier Minuten später kombinierte sich der CFC durch, Paul Celine schickte Isidoro Goncalves steil - und der Portugiese verwandelte eiskalt zum 3:2. "Ich hab gesehen, dass der Keeper leicht nach links schaut - da wusste ich, rechts ist frei", erklärte Goncalves trocken. Damit war der Widerstand gebrochen. In der 70. Minute setzte Tomasz Preuss den Schlusspunkt, nachdem erneut Carlos Ramiro über rechts durchgebrochen war. 4:2 - und das Stadion sang, als gäbe es keine Montagsspiele mehr. Statistisch war das Ganze so eindeutig wie das Ergebnis: 56 Prozent Ballbesitz, 15 Torschüsse (gegen 9 von Weiler), eine Zweikampfquote, die mit knapp 54 Prozent solide war - Chemnitz kontrollierte das Geschehen, ohne jemals überheblich zu wirken. Besonders auffällig: das offensive 4-3-3, das Merkel über 90 Minuten beibehielt. Während andere Teams beim Vorsprung den Bus parken, fuhr Chemnitz lieber Cabrio - offen, mutig, manchmal etwas zugig, aber stets mit Aussicht auf Spektakel. Auf der anderen Seite versuchte Weilers Coach Mino Raiola - ja, Namensvetter des berühmten Spielerberaters - seine Jungs durch taktische Kniffe im Spiel zu halten. Drei Wechsel in der 60. Minute sollten frischen Wind bringen, aber eher kam ein laues Lüftchen. "Wir wollten hinten stabiler stehen", erklärte er nach dem Abpfiff. "Leider stand dann keiner mehr vorne." Besonders bitter für Weiler: Ruben Guillen, der 19-jährige Mittelstürmer, arbeitete sich auf, hatte mehrere Abschlüsse (39., 41., 58., 66., 79. Minute), doch das Glück blieb ihm so fern wie der nächste Allgäuer Frühling. Am Ende blieb das Gefühl, dass hier ein Team auf dem Weg nach oben ist - und eines, das noch ein Navi braucht. "Wenn wir so weitermachen, wird’s eine richtig gute Saison", sagte Celine mit breitem Grinsen. "Aber wir nehmen’s Spiel für Spiel - so wie’s alle sagen, die gerade gewinnen." Ein letzter Blick auf die Trainerbank: Beate Merkel klatschte zufrieden, Mino Raiola schüttelte lächelnd den Kopf. Zwei Welten trafen sich an diesem Abend - die eine mit jugendlicher Spielfreude, die andere mit taktischer Theorie. Gewonnen haben die, die einfach Fußball spielten. Und so verabschiedete sich Chemnitz in die Nacht: mit drei Punkten, vier Toren und dem Gefühl, dass Fußball manchmal doch ganz einfach sein kann - solange man ihn nicht zu sehr erklärt. 30.08.643990 13:52 |
Sprücheklopfer
Man darf über ihn jetzt nicht das Knie brechen.
Rudi Völler