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Das Flutlicht im Stadion an der Gellertstraße war kaum richtig warmgelaufen, da hatten die 5762 Zuschauer schon das erste Raunen auf den Lippen. "Das war doch kein Start, das war ein Weckruf aus der Kreisliga!", fauchte ein älterer Herr auf der Haupttribüne, als Chemnitz’ Stürmer Lennard Weiss in Minute 3 den Ball freistehend auf den Gästekeeper drosch. Der Ton war gesetzt - und das Spiel folgte prompt. Weiler im Allgäu, von Trainer Mino Raiola mit der Gelassenheit eines Mannes, der schon alles gesehen und verhandelt hat, trat von Beginn an unaufgeregt, aber zielstrebig auf. Während Chemnitz unter Trainerin Beate Merkel offensiv ausgerichtet und mit 53 Prozent Ballbesitz das Spiel diktierte, wirkten die Gäste gefährlich effizient. Der Unterschied? Weiler schoss, wenn’s zählte - Chemnitz, wenn’s gerade hübsch aussah. In der 15. Minute war es dann soweit: Jürgen Linke, 19 Jahre jung und flink wie ein Bergziege auf Allgäuer Alm, vollendete nach einem Pass von Linus Berger zum 0:1. Die Heimfans rieben sich die Augen. Vier Minuten vorher hatte Linke schon einmal an die Latte gezielt - diesmal zappelte das Netz. "Ich hab einfach draufgehalten, weil sonst wieder einer ruft, ich soll ablegen", grinste der Teenager später in die Mikrofone. Chemnitz antwortete mit wütenden Angriffen: Kraft, Morriss, Weiss - sie alle prüften den Gästetorwart Schöne (18 Jahre, aber Nerven wie Beton). Doch das Toreschießen blieb eine theoretische Disziplin. Stattdessen konterte Weiler eiskalt: In Minute 25 traf Linus Berger selbst, nach feinem Zuspiel von Ben Meister. 0:2, und auf der Chemnitzer Trainerbank verschwand Beate Merkels Kaugummi plötzlich spurlos. "Das war kein Kaugummi mehr, das war Frustabbau", murmelte ihr Co-Trainer. Als dann Samuel Erskine in der 40. Minute nach Vorarbeit von Meister das 1:3 erzielte, war das Publikum zwischen Fassungslosigkeit und Frotzelei. Da half auch der zwischenzeitliche Hoffnungsschimmer in der 38. Minute nicht, als Joel Morriss nach Pass von Alfie Beglin für das 1:2 gesorgt hatte. Morriss’ Jubel war so leidenschaftlich, dass man kurz dachte, Chemnitz hätte das Spiel gewonnen. "Ich hab einfach vergessen, dass wir hintenliegen", sagte der 19-Jährige später lachend. Die zweite Halbzeit brachte dann vor allem eins: Chemnitzer Verzweiflung in Variationen. 14 Torschüsse insgesamt, mehr Ballbesitz, mehr Wille - aber weniger Tore. Callum Cromwell prüfte zweimal aus der Distanz, Mircea Dumitru zirkelte knapp vorbei, und Neuzugang Marc Rothe, der in der 59. Minute für Weiss kam, scheiterte am starken Schöne. "Wir haben das Spiel dominiert, aber auf der Anzeigetafel zählt halt nix davon", meinte Trainerin Merkel trocken. "Das ist wie beim Steuerbescheid - viel Arbeit, wenig Freude." Weiler blieb ruhig, zog sich kompakt zurück, konterte gelegentlich - und zeigte, dass man auch mit 46 Prozent Ballbesitz ein Spiel klar gewinnen kann. Besonders auffällig: der 17-jährige Ben Meister, der gleich an zwei Treffern beteiligt war, rannte bis zur 90. Minute, als ginge es um den letzten Bus nach Kempten. "Ich wollte nicht ausgewechselt werden, da friert man nur auf der Bank", scherzte er nach Abpfiff. Auf Chemnitzer Seite war die Stimmung gemischt. Einige Fans applaudierten für den Einsatz, andere forderten lautstark "mehr Zielwasser". Torhüter Felipe Ruy, der zur zweiten Halbzeit für den jungen Javi Miguel eingewechselt wurde, fasste es nüchtern zusammen: "Wenn man drei kriegt, ist’s egal, wer im Kasten steht - dann hat’s vorne nicht gepasst." Trainer Mino Raiola hingegen zeigte sich zufrieden: "Wir haben nicht schön gespielt, aber schön gewonnen. Das ist mir lieber als umgekehrt." Und wer Raiola kennt, weiß: schöner hätte man’s kaum zusammenfassen können. Das Fazit? Chemnitz spielte, Weiler traf. Und manchmal ist Fußball eben doch so einfach, wie es aussieht - nur dass es für die, die die meiste Arbeit machen, am Ende am härtesten ist. Oder, wie ein Fan beim Hinausgehen brummte: "Wenigstens war das Flutlicht schön hell. Dann sieht man gleich, wo’s gefehlt hat." 11.09.643990 00:36 |
Sprücheklopfer
Man darf über ihn jetzt nicht das Knie brechen.
Rudi Völler