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Wenn 40.219 Zuschauer an einem milden Januarabend in Tirat Carmel ins Stadion strömen, dann wissen sie, was sie erwartet: Spektakel, Tore und ein Hauch nordischer Präzision. Und dieses Mal bekamen sie das volle Programm. Der norwegische Wirbelwind Sigurd Carlsen schoss die Rehovot Reds quasi im Alleingang aus dem Stadion - drei Tore, ein Mann, ein Albtraum für jeden Verteidiger. Am Ende stand es 4:2 für Tirat Carmel FC, und man konnte nur ahnen, was Trainerin Babsi Klemm ihrer Mannschaft vor dem Spiel eingebläut hatte. "Ich hab ihnen gesagt: Wenn wir schon nicht den Ball haben, dann wenigstens das Tor!", lachte Klemm nach dem Spiel, und man glaubt es ihr sofort. Denn obwohl Tirat Carmel nur 45 Prozent Ballbesitz hatte, schossen sie ganze 21 Mal aufs Tor - fast so, als wollten sie die Statistikabteilung in die Knie zwingen. Die Rehovot Reds, unter der Leitung des stoisch blickenden Stanislav Gresko, wirkten dagegen wie ein Team, das lieber die Kugel streichelt, statt sie in Richtung Netz zu jagen. Fünf Torschüsse in 90 Minuten - und trotzdem zwei Treffer. "Effizienz nennen wir das", knurrte Gresko, während er seinen jungen Mittelfeldspieler Abbas Warschawski in den Arm nahm. Der 18-Jährige war einer der wenigen Lichtblicke im roten Trikot, erzielte beide Tore für die Gäste und ließ zumindest kurz Hoffnung aufkeimen. Doch der Reihe nach: Das Spiel begann mit einer gelben Karte für Isidoro Oliveira - ein Zeichen seiner Leidenschaft oder seiner Ungeduld, je nach Perspektive. Danach folgte ein Sturmlauf der Gastgeber, angeführt von Carlsen, der zwischen der 24. und 36. Minute gleich viermal aufs Tor schoss. Noch hielt Reds-Keeper Alberto Arias den Laden dicht - bis zur 44. Minute. Da war es dann so weit: Carlsen, bedient von Innenverteidiger Robert Catalano (ja, richtig gelesen), vollendete eiskalt zum 1:0. Ein Treffer, der so typisch für ihn war wie Fjorde für Norwegen. Kurz nach dem Seitenwechsel wiederholte sich die Geschichte: Bram Sleeper, der Mann für die feine Vorarbeit, legte mustergültig quer, Carlsen zog ab - 2:0 in der 49. Minute. Das Stadion bebte, und manch einer auf der Tribüne begann bereits, das dritte Bier zu öffnen. Vielleicht zu früh, denn Rehovot meldete sich zurück. In der 59. Minute schickte der erfahrene Kian Preston den jungen Warschawski steil, der cool blieb und zum 2:1 einschob. "Ich hab einfach nicht nachgedacht", grinste der Teenager später - vielleicht das Erfolgsgeheimnis eines guten Abschlusses. Doch Tirat Carmel ließ sich nicht beirren. Trainerin Klemm brachte zur Halbzeit den frischen Claude Gaudin und Rechtsverteidiger Hjalmar Dalgaard - ein Wechsel, der sich später als goldrichtig herausstellen sollte. Denn in der 80. Minute stürmte Dalgaard selbst nach vorn, bekam den Ball von Sleeper und drosch ihn humorlos ins Netz - 3:1. "Ich wollte eigentlich flanken", gestand er danach schmunzelnd, "aber dann dachte ich: ach, warum nicht?" Und kaum war der Jubel verklungen, war Carlsen wieder da. Eine Minute später, 81. Minute, verwandelte er eine Vorlage von Dalgaard zum 4:1. Die Reds schauten sich verdutzt an, als hätten sie gerade einen Zaubertrick verpasst. Zwar traf Warschawski in der 84. Minute noch einmal zum 4:2, aber das war eher Kosmetik als Aufholjagd. Auffällig: Während die Gäste im Mittelfeld gefällig kombinierten, gab Tirat Carmel das Lehrbuch des effektiven Fußballs heraus. Weniger Ballbesitz, mehr Wille, mehr Biss. Eugenio Conte holte sich in der 67. Minute zwar Gelb ab, aber selbst das passte ins Bild - robust, entschlossen, manchmal ein bisschen wild. "Das ist halt Conte-Fußball", meinte Klemm augenzwinkernd. Nach Abpfiff applaudierten die Fans minutenlang. Carlsen wurde gefeiert, Dalgaard umarmt, und Gresko suchte auf der Anzeigetafel nach Trost. "Wir haben das Spiel kontrolliert, aber nicht gewonnen", seufzte er. "Das ist Fußball - manchmal gewinnt eben der, der öfter aufs Tor schießt." Am Ende bleibt ein klarer Sieg für Tirat Carmel FC, der in seiner Mischung aus skandinavischer Kälte und mediterraner Leidenschaft schwer zu schlagen ist. Drei Tore von Carlsen, einer von Dalgaard, eine Trainerin mit trockenem Humor - das ist der Stoff, aus dem Vereinslegenden entstehen. Und irgendwo in der Kabine soll Carlsen später gesagt haben: "Ich wollte eigentlich vier machen." Nun ja, man kann nicht alles haben - außer vielleicht das Spiel des Jahres. 04.11.643987 10:43 |
Sprücheklopfer
Aus der Ferne betrachtet ist es alles nur eine Frage der Distanz.
Klaus Toppmöller