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Ein lauer Abend in Venezuela, 36.332 Zuschauer im Caradodo-Stadion - und ein Spiel, das mehr Rauch als Feuer hatte. Am 13. Spieltag der 1. Liga Venezuela gewann der Caradodo FC mit 1:0 gegen Monagas SC. Ein Ergebnis, das nüchtern betrachtet verdient war, aber nur, wenn man an die Fußballweisheit "Effizienz schlägt Ästhetik" glaubt. Trainer Timo Ruß dürfte das tun. Schon in den ersten Minuten wurde klar, wie die Rollen verteilt waren: Caradodo mit 61 Prozent Ballbesitz, aber vor allem mit dem Willen, sich in Schönheit zu verteidigen. Monagas hingegen drückte, rannte, schoss - und scheiterte. Ganze 14 Torschüsse brachte das Team von Hans Wurst zustande, aber Torwart Nelson Barros im Caradodo-Kasten hatte offenbar beschlossen, an diesem Abend unüberwindbar zu sein. "Ich hab einfach nicht losgelassen", grinste Barros nach dem Spiel. "Auch nicht den Ball." Das Tor des Abends fiel in der 24. Minute - und es war so schön, dass man fast vergaß, wie wenig anderes passierte. Enrique Figueras stürmte über links, legte clever in den Strafraum zurück, und Roger Braaten drosch den Ball aus zwölf Metern ins Netz. 1:0. Jubel, Rauchfackeln, Trommeln. Trainer Ruß riss die Arme hoch, als hätte er gerade die Champions League gewonnen. "Wir haben einstudiert, dass Roger in diesen Raum stößt", erklärte er später mit einem Grinsen. "Dass er den Ball dann auch trifft, war die Kür." Danach? Nun ja, es war kein Spiel für Feinschmecker. Monagas SC übernahm das Kommando, drückte und suchte den Ausgleich. Zwischen der 40. und 60. Minute flogen die Schüsse im Minutentakt auf das Caradodo-Tor - Viana, Marques, Alcantara, Apostolo - aber keiner traf. Stattdessen kassierte Matteo Apostolo in der 83. Minute die Rote Karte, als er Valerio Demetrio mit offener Sohle abräumte. "Ich wollte nur den Ball treffen", verteidigte er sich, "aber der Ball war halt nicht da." Trainer Hans Wurst hielt sich im Anschluss an der Seitenlinie kaum noch zurück: "Wenn man 14-mal aufs Tor schießt und keiner rein will, dann bleibt einem wohl nur noch Rot." Caradodo verteidigte mit allem, was man verteidigen nennen kann - inklusive Zeitspiel, Grätschen und gelegentlicher Diskussion mit dem Schiedsrichter. Innenverteidiger Elliot Fortin sah in der 54. Minute Gelb, nachdem er etwas zu leidenschaftlich in den Zweikampf ging. "Ich habe nur versucht, den Gegner zu umarmen", meinte er später schmunzelnd. "Aber der Schiri hat’s wohl als Foul gesehen." In der Schlussphase, Monagas längst in Unterzahl, spielte Caradodo so defensiv, dass sogar die Balljungen gähnten. Ruß stand an der Linie, dirigierte, brüllte, klatschte - und sah, wie seine Mannschaft sich in jeden Ball warf. "Das war kein schönes Spiel", gab er ehrlich zu, "aber manchmal muss man einfach hässlich gewinnen." Hans Wurst dagegen wirkte im Interview wie ein Mann, der seine Brille sucht, obwohl sie auf seiner Stirn sitzt. "Wir hatten die besseren Chancen, wir hatten mehr Torschüsse, wir hatten… eigentlich alles. Außer eben Tore." Dann zuckte er mit den Schultern. "Vielleicht sollten wir nächste Woche einfach mal versuchen, den Ball ins Tor statt daneben zu schießen." Die Fans von Caradodo feierten den knappen Sieg trotzdem wie eine kleine Erlösung. Seit Wochen hatte man zuhause keinen Treffer mehr gesehen - jetzt endlich wieder Jubel. "Wenn wir schon nicht schön spielen, dann wenigstens erfolgreich", rief ein Anhänger auf der Tribüne, während er seine Flagge schwenkte. Statistisch gesehen war es ein Lehrbuchbeispiel für defensive Disziplin: 8 Torschüsse, 61 Prozent Ballbesitz, eine Gelbe und keine Nerven. Monagas dagegen mit 14 Schüssen, mehr Zweikämpfen, aber null Ertrag. Oder wie es der Stadionsprecher nach Schlusspfiff trocken formulierte: "Caradodo gewinnt 1:0 - und Monagas fragt sich, warum." Am Ende geht der Sieg in Ordnung, weil Caradodo schlichtweg das gemacht hat, was zählt: ein Tor mehr. Roger Braaten, der Held des Abends, fasste es zusammen: "Wir haben vielleicht nicht schön gespielt, aber wir haben gewonnen. Und das ist im Fußball ja manchmal schon fast ein Kunststück." Bleibt nur zu hoffen, dass Monagas SC seine Zielgenauigkeit wiederfindet - und dass Caradodo FC beim nächsten Mal den Zuschauern mehr bietet als nervenaufreibende Abwehrarbeit. Aber wer weiß: Vielleicht ist genau dieses kontrollierte Chaos der Grund, warum man den Fußball liebt. 06.06.643987 22:47 |
Sprücheklopfer
Man darf das Spiel doch nicht so schlecht reden wie es wirklich war.
Olaf Thon