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Ein Samstagabend unter Flutlicht, 16.000 Zuschauer im Abbey Stadium und die Luft knisterte vor Erwartung: Cambridge City empfing die Hull Tigers zum 16. Spieltag der 2. Liga England. Was als kontrollierte Vorstellung der Gastgeber begann, endete als turbulenter Lehrfilm über Effektivität, jugendliche Unbekümmertheit - und eine Abwehr, die kurzzeitig kollektiv auf Standby schaltete. Am Ende stand ein 2:3, das Fritz Walter, Trainer von Cambridge City, mit einem bitteren Lächeln quittierte: "Wir waren 45 Minuten lang die bessere Mannschaft - leider dauert so ein Spiel doppelt so lang." Dabei fing alles nach Maß an. Schon in der 12. Minute brachte Harald Bruns die Hausherren in Führung. Nach feiner Vorarbeit von Petar Gavrancic drosch der flinke Rechtsaußen den Ball aus spitzem Winkel vorbei am verdutzten Hull-Keeper Joel Eliot ins Netz. Die Tribünen tobten, ein älterer Fan rief euphorisch: "So wird das heute ein Spaziergang!" - ein Satz, der spätestens ab Minute 46 schlagartig gealtert war. Bis zur Pause kontrollierte Cambridge das Geschehen. 52 Prozent Ballbesitz, ruhiger Aufbau, sicheres Passspiel - Fritz Walters Mannschaft spielte wie aus einem Stück. Hulls Trainer Mathias Oergel dagegen stapfte an der Seitenlinie nervös auf und ab, während seine Spieler in der Offensive vor allem eins taten: daneben schießen. 15 Abschlüsse standen am Ende in der Statistik, doch bis zur Halbzeit blieb es beim gefühlten 0,0 xG. Dann, kaum war die zweite Hälfte angepfiffen, drehte sich das Spiel wie ein Wetterhahn im englischen Wind. Der junge Leo Warriner flitzte auf der rechten Seite nach vorn, flankte - und Luca Engelhardt köpfte aus fünf Metern zum 1:1 ein (46.). Walters Stirn runzelte sich, Oergel ballte die Faust und schrie: "Genau das wollte ich sehen!" - ob er den Plan tatsächlich so auf dem Taktikbrett hatte, bleibt sein Geheimnis. Was folgte, war ein Lehrstück in Sachen Momentum. Hull roch Blut, Cambridge verlor Struktur. In der 66. Minute zirkelte Alexander Bancroft den Ball nach Vorarbeit von Billy Chamberlain aus 18 Metern ins rechte Eck - 1:2. Nur zwei Minuten später, Cambridge noch im kollektiven Grübeln, traf ausgerechnet Rechtsverteidiger Leo Warriner selbst zum 1:3, bedient von Engelhardt, der sich damit zum Mann des Spiels empfahl. "Da haben wir kurz die Lichter ausgemacht", gestand City-Kapitän Luke Craven später. "Und als wir sie wieder anhatten, stand’s 1:3." Doch Cambridge wäre nicht Cambridge, wenn sie nicht wenigstens einen Versuch gestartet hätten, den Abend zu retten. Wieder war es Harald Bruns, der in Minute 70 zuschlug - volley nach Zuspiel von Craven, 2:3. Das Stadion erwachte, die Fans sangen, und plötzlich glaubte jeder an die Wende. Bruns rannte jubelnd zu Trainer Walter, der ihm zuraunte: "Mach noch eins, dann spendier ich morgen das Frühstück." Die letzten 20 Minuten gehörten den Gastgebern, doch Hulls Defensive hielt dem Druck stand. Bruns hatte in der 91. Minute noch einmal die Riesenchance - ein Schuss aus zwölf Metern, pariert von Eliot, der damit seinen Fehler aus Halbzeit eins vergessen machte. Statistisch gesehen hätte Cambridge zumindest ein Remis verdient gehabt: mehr Ballbesitz, acht Abschlüsse in der zweiten Hälfte, viel Einsatz. Doch Hulls Effizienz war schlicht gnadenlos. Drei Tore aus fünf guten Chancen - das nennt man kaltschnäuzig. Trainer Oergel grinste nach dem Abpfiff in die Mikrofone: "Wir wussten, dass Cambridge stark startet. Also haben wir sie erst mal machen lassen. Dann haben wir’s ernst genommen." Neben ihm schüttelte Fritz Walter den Kopf: "Ernst genommen? Ich nenne das Glück mit System." Auch Schiedsrichterin Helen Carter musste sich einiges anhören, vor allem nach drei Gelben Karten für Hull (Lujan, Chalana, Payne). Walter kommentierte süffisant: "Wenn Aggressivität bei denen ’standard’ ist, möchte ich nicht sehen, wie ’strong’ aussieht." Am Ende blieb den Fans von Cambridge nur Applaus für ein tapferes, aber unglückliches Team. Bruns, mit zwei Treffern Mann des Abends, klopfte seinen Gegenspieler Warriner freundschaftlich auf die Schulter und sagte: "Heute du, morgen ich." Und so endete ein Spiel, das alles bot: Tempo, Tore, Drama und ein bisschen britische Ironie. Cambridge verlor, aber nicht das Gesicht. Hull gewann, aber wohl auch ein paar graue Haare. Fazit: Ein bitterer Abend für Fritz Walter, ein grandioser für Mathias Oergel - und ein Beweis dafür, dass im Fußball manchmal 24 Minuten genügen, um eine ganze Woche zu retten. 19.11.643990 13:13 |
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Da wir nicht voll auf Niederlage spielen, spielen wir voll auf Sieg.
Berti Vogts