// Startseite
| Fréttablaðið |
| +++ Sportzeitung für Island +++ |
|
|
|
Ein eiskalter Abend in Kopavogur, 9059 Zuschauer, die ihre Atemwolken im Flutlicht tanzen sehen - und auf dem Rasen ein Spiel, das so typisch isländisch war wie ein Sturm im Mai: unberechenbar, ruppig, aber am Ende ehrlich. Breidablik Kopavogur gewann mit 2:1 gegen Tindastoll und tat dabei alles, um den Puls der Fans in die Höhe zu treiben. Die Partie begann mit vorsichtigem Abtasten, wobei Breidablik in der Taktik, wie immer, auf "ausgewogen" setzte - ein Begriff, der im Fußball so viel heißen kann wie: "Wir schauen mal, was passiert." Doch in der 21. Minute passierte etwas ganz Konkretes. Eric Lundqvist, der quirlige Linksaußen, nutzte einen feinen Pass von Patrik Porvaldsson, nahm den Ball mit der Brust an und schob ihn lässig ins rechte Eck. 1:0. Die Fans jubelten, Bierbecher flogen, und Lundqvist grinste später: "Ich wollte eigentlich flanken." Doch wer dachte, das Spiel würde nun in ruhige Bahnen gelenkt, hatte die Rechnung ohne Henry Johnstone gemacht. Der Sturmtank von Tindastoll schob in der 35. Minute den Ball nach einer butterweichen Flanke von Valter Johnsen ins Netz. 1:1 - und plötzlich war es still im Stadion, abgesehen von den 200 mitgereisten Tindastoll-Fans, die sangen, als stünden sie im Pokalfinale. Zur Pause war klar: Das hier war kein Spaziergang. Breidablik hatte leicht mehr Ballbesitz (52,8 Prozent), aber Tindastoll war gefährlicher, bissiger, und Coach Jörg Wenneker schien selbst an der Seitenlinie Pressing zu spielen. "Wir wollten Breidablik nicht den Spaß lassen, ihr Spiel aufzuziehen", erklärte er nach dem Match mit einem sardonischen Lächeln. Die zweite Halbzeit begann mit einem personellen Paukenschlag: Wenneker brachte den jungen Tomasz Lesniak für Johnstone - wohl in der Hoffnung auf frische Beine und freche Ideen. Doch die kamen eher von der anderen Seite. In der 60. Minute fasste sich Breidabliks Rechtsverteidiger Hjalmar Ohlsson ein Herz, preschte nach vorn und hämmerte den Ball aus gut 20 Metern ins Netz. Der Jubel war ohrenbetäubend - nicht nur, weil es das 2:1 war, sondern weil es so gar nicht sein Job ist, Tore zu schießen. "Ich weiß auch nicht, was mich da geritten hat", lachte Ohlsson später. "Vielleicht der Wind." Tindastoll versuchte alles, um zurückzukommen. Emil Dumitrescu rannte sich auf der rechten Seite regelrecht die Lunge aus dem Leib, kam zu mehreren Abschlüssen (Spielminuten 48, 52, 58), scheiterte aber immer wieder an Breidablik-Keeper Petr Kolomaznik, der einen dieser Tage erwischt hatte, an denen man einfach keinen Ball mehr durchlassen will. In der Schlussphase wurde es hitzig. Karl Johnsen, ohnehin bekannt für seine rustikale Art, sah in der 83. Minute Gelb - und grinste dabei so, als hätte er den Schiedsrichter gerade auf ein Bier eingeladen. "Ich hab’ nur gesagt, dass er gut aussieht", witzelte er später. Tindastoll drückte bis zum Schluss, kam noch einmal gefährlich über Javier Coluna (89.), doch der Ball strich knapp am Pfosten vorbei. Breidablik rettete den knappen Vorsprung über die Zeit - und Trainer Gunnar Magnusson (der sich nach dem Spiel demonstrativ den Schal bis zur Nase zog) fasste es trocken zusammen: "Wir hatten mehr vom Ball, aber weniger vom Spaß. Dafür die Punkte." Statistisch gesehen war es ein Spiel auf Augenhöhe: 9 zu 8 Torschüsse für Breidablik, ein hauchdünnes Ballbesitzplus, nahezu identische Zweikampfquoten. Doch am Ende zählen Tore - und davon hatte Breidablik eben eins mehr. Nach dem Schlusspfiff klatschten die Fans ihre Helden ab, während Wenneker seine Spieler aufmunterte. "Wir sind jung, wir lernen", meinte er, während er sich die Mütze tiefer ins Gesicht zog. Und tatsächlich: Tindastoll zeigte viel Mut, Leidenschaft - und das gewisse isländische Maß an Chaos, das jedes Spiel zu einem Abenteuer macht. Breidablik dagegen feierte still, fast erleichtert. Vielleicht, weil sie wussten, dass dieser Sieg mehr war als drei Punkte. Es war eine Erinnerung daran, dass Fußball manchmal einfach ein bisschen schmutzig, aber wunderschön sein darf. Oder, wie Ohlsson es auf den Punkt brachte: "Wenn der Ball einmal im Tor ist, fragt keiner mehr, wie er dahin kam." Und genau so war’s. In Kopavogur an diesem frostigen 18. Spieltag der 2. Liga Island. Ein Arbeitssieg - aber einer mit Charakter. 15.08.643987 12:22 |
Sprücheklopfer
Wie so oft liegt auch hier die Mitte in der Wahrheit.
Rudi Völler