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Es war einer dieser Abende im Januar, an denen der Atem kleine Wölkchen bildet und der Ball eher nach Bowlingkugel als nach Leder aussieht. Trotzdem fanden 2127 hartgesottene Zuschauer den Weg ins Bischmisheimer Stadion, um das Duell ihres Teams gegen Borussia Neunkirchen zu sehen - und sie sahen, sagen wir, eine Lehrstunde in Geduld. Denn zur Halbzeit stand es 0:0, und das war schon die freundlichste Interpretation des Spielstands. Bischmisheim begann engagiert, sogar mit einem Torschuss in der ersten Minute - Benjamin Lockhart hatte wohl gehofft, den Gegner noch im Aufwärmen zu erwischen. Tat er nicht. Danach übernahm Neunkirchen, ruhig, kontrolliert, mit 53 Prozent Ballbesitz und einer Passsicherheit, die an einen Uhrmacher erinnerte. Nur die Tore fehlten. "In der Kabine hab ich gesagt: Jungs, ihr könnt euch den Ball noch zehnmal querlegen oder endlich mal ins Tor schießen", grinste Gästecoach Kada Schmide nach dem Spiel. Offenbar hatte die Ansprache gewirkt - und wie. In der 67. Minute war es dann so weit: Manuel Maniche, 19 Jahre jung und mit der Körpersprache eines erfahrenen Profis, staubte nach Vorarbeit von Thomas Grossmann ab. 1:0 für die Borussia, und plötzlich roch es nach mehr. "Ich hab gar nicht groß nachgedacht", sagte Maniche später. "Ich hab einfach draufgehalten. Der Torwart hat geguckt, ich hab getroffen - fairer Deal." Bischmisheim versuchte zu antworten, aber was kam, war mehr Wille als Struktur. Vier Torschüsse in 90 Minuten - das ist nicht gerade das, womit man sich in Vereinschroniken schreibt. Trainer Zander (der sich nach Abpfiff demonstrativ den Mantel überwarf, als wolle er gleich in den Winterschlaf) murmelte: "Die Jungs haben gekämpft. Aber irgendwie war das Tor heute wie vernagelt." In der 84. Minute machte Karsten Kirchner dann alles klar. Der 17-Jährige war gerade erst eingewechselt worden, sprintete auf einen Steilpass von Gerhard Steiner, blieb ruhig wie ein alter Hase und schob zum 2:0 ein. "Ich hab den Ball gesehen und einfach gedacht: Warum nicht?", so Kirchner mit einem Lächeln, das ahnen ließ, dass er sich diesen Moment einrahmen wird. Bischmisheims Marvin Freitag, ohnehin einer der wenigen, die noch Dampf machten, versuchte kurz darauf, mit einem beherzten Schuss von rechts wenigstens den Ehrentreffer zu erzwingen - aber Neunkirchens Keeper Gerhard Stein war auf dem Posten. Und als Freitag in der 86. Minute auch noch Gelb sah, schien das Drehbuch endgültig geschrieben. Den Schlusspunkt setzte wieder Manuel Maniche in der 93. Minute - auf Vorlage von Meik Arndt. Ein Konter, so schnell, dass mancher Zuschauer wohl erst im Nachhinein verstand, was da gerade passiert war. 3:0, Feierabend, und die Borussia-Jugend jubelte, als hätte sie gerade die Champions League gewonnen. "Ich hab selten so eine konzentrierte zweite Halbzeit gesehen", lobte Trainer Schmide später. "Wir haben uns nicht aus der Ruhe bringen lassen, und am Ende war’s eine Frage der Zeit." Statistisch passte das Ergebnis zur Partie: 15 Torschüsse zu 4, 56 Prozent gewonnene Zweikämpfe, mehr Ballbesitz, mehr Tempo. Bischmisheim blieb dagegen hinter den eigenen Möglichkeiten. "Vielleicht hätten wir weniger offensiv stehen sollen", meinte Kapitän Pascal Zander selbstkritisch. "Aber hinterher ist man immer klüger - und meistens auch etwas frustrierter." Der heimische Stadionsprecher versuchte nach dem Abpfiff noch Optimismus zu verbreiten ("Kopf hoch, Männer, das war nur ein kleiner Rückschlag!"), doch selbst die Bratwurstbude hatte da schon geschlossen. Für Borussia Neunkirchen war es ein Sieg mit Signalwirkung: jung, spielfreudig, effektiv - und taktisch sauber. Für Bischmisheim bleibt die Erkenntnis, dass man auch mit offensiver Grundhaltung (und laut Statistik ohne Pressing) verlieren kann, wenn die Ideen ausgehen. Vielleicht fasste es Neunkirchens Abwehrspieler Gustav Haupt, der nach früher Gelber Karte ausgewechselt wurde, am besten zusammen: "War ein hartes Stück Arbeit. Aber wer am Ende lacht, hat alles richtig gemacht." Und so lachten sie - über das ganze Gesicht, die Borussen. Bischmisheim dagegen wird noch ein paar Tage brauchen, um das 0:3 zu verdauen. Vielleicht hilft ein Blick aufs Thermometer: Es war schließlich ein kalter Abend. Und manchmal friert eben auch der Torinstinkt ein. 12.10.643987 06:28 |
Sprücheklopfer
Aus der Ferne betrachtet ist es alles nur eine Frage der Distanz.
Klaus Toppmöller