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Es war einer dieser frostigen Januarabende, an denen der Atem in der Luft hängt und der Ball sich anfühlt wie ein gefrorener Backstein. Trotzdem fanden 1.979 tapfere Zuschauer den Weg ins Wörsdorfer Stadion - vermutlich in der Hoffnung, dass ihre TSG die Borussia aus Neunkirchen ein bisschen ärgern würde. Am Ende aber war es ein klassischer Fall von "gut mitgespielt, aber verloren": Borussia Neunkirchen gewann souverän mit 2:0, und das völlig verdient. Die erste Halbzeit begann mit einem Feuerwerk - allerdings nur im übertragenen Sinn. Neunkirchens Jungspund David Moritz prüfte schon in der ersten Minute den Wörsdorfer Keeper Samuel O’Shea, der den Ball mit den Fingerspitzen über die Latte lenkte. "Ich dachte, der fliegt mir die Handschuhe weg", grinste O’Shea später. Die Borussia legte nach, versuchte es immer wieder aus der Distanz, während Wörsdorf auf Konter lauerte. Benjamin Lamont hatte nach zwölf Minuten die beste Gelegenheit für die Gastgeber, schoss aber über das Tor - vermutlich war der Ball zu rund. Die Partie war ausgeglichen, zumindest auf dem Papier: 46 Prozent Ballbesitz für Wörsdorf, 53 für die Gäste. In Wahrheit aber kontrollierte Neunkirchen das Geschehen. Javier Montanes zog im Mittelfeld die Fäden, während der 17-jährige Günther Berndt über links rannte, als ginge es um eine Goldmedaille in Leichtathletik. In der 32. Minute sah Kay Brandt Gelb, nachdem er Berndt mit einer Grätsche stoppte, die in einem Spaghetti-Western wohl Applaus gebracht hätte. Trainer Kada Schmide von Borussia Neunkirchen blieb an der Seitenlinie meist gelassen, nur hin und wieder rief er "ruhig bleiben, Jungs!" - was in der Landesliga ungefähr so viel bringt wie ein Regenschirm im Orkan. Trotzdem: Seine Mannschaft hörte auf ihn. Nach der Pause brachte Schmide frische Beine: Kirchner und Maniche ersetzten Moritz und Berndt - eine goldrichtige Entscheidung, wie sich später zeigen sollte. In der 72. Minute fiel endlich das Tor, das sich schon länger angedeutet hatte. Der eingewechselte Saweli Jaschin spielte einen feinen Pass in die Tiefe, Manuel Maniche startete im richtigen Moment und schob eiskalt zum 1:0 ein. Wörsdorfs Fans seufzten, einige machten sich auf den Weg zum Glühweinstand. "Da waren wir einfach zu passiv", ärgerte sich TSG-Verteidiger Heinrich Haag, der kurz darauf Gelb sah - vermutlich aus Frust. Wörsdorf versuchte es danach mit mehr Mut, aber wenig Struktur. Der 48-jährige Marcel Ritter, der inzwischen mehr Spiele auf dem Buckel hat als die meisten Kollegen Lebensjahre, verletzte sich in der 84. Minute und musste raus. "Ich hab’s in der Hüfte gespürt - oder war’s der Stolz?", scherzte er später. Für ihn kam der junge Hans Reimann, doch die Musik spielte längst auf der anderen Seite. Kurz vor Schluss machte der 17-jährige Karsten Kirchner den Deckel drauf. Nach einem perfekten Zuspiel von Montanes versenkte er den Ball zum 2:0 ins Netz. Es war ein Tor, das man in Neunkirchen wohl noch eine Weile feiern wird - der Teenager hatte zuvor schon viermal abgezogen, ohne zu treffen. "Ich hab einfach weiter gemacht", sagte Kirchner hinterher, "irgendwann muss ja einer rein." Die Statistik sprach ohnehin eine klare Sprache: 14 Torschüsse der Borussia, nur 6 für Wörsdorf. Mehr Einsatz, mehr Ideen, mehr Zielstrebigkeit - die jungen Gäste wirkten frischer, hungriger, selbstbewusster. Schmide lobte sein Team: "Das war reif, ruhig, kontrolliert. Wir haben gezeigt, dass wir auch bei -2 Grad brennen können." Wörsdorfs Trainer - der Name blieb an diesem Abend so blass wie die Gesichter seiner Spieler - dürfte sich dagegen Sorgen machen. Seine Mannschaft kämpfte, das schon, aber gefährlich wurde sie selten. "Wir müssen lernen, dass Ballbesitz keine Trophäe ist", murmelte er nach Abpfiff in Richtung seiner Assistenten. Als die Flutlichter erloschen und die letzten Zuschauer sich auf glatten Wegen Richtung Ausgang tasteten, blieb der Eindruck eines Spiels, das weniger durch Spektakel als durch Effizienz entschieden wurde. Borussia Neunkirchen nahm drei Punkte mit und ein breites Grinsen, während die TSG Wörsdorf wohl eher den heißen Tee als Trost suchte. Und irgendwo im Wind hörte man einen Fan murmeln: "Na ja, wenigstens hat keiner gefroren, der sich bewegt hat." Vielleicht ist das ja das wahre Fazit dieses Abends. 23.07.643987 10:58 |
Sprücheklopfer
Aus der Ferne betrachtet ist es alles nur eine Frage der Distanz.
Klaus Toppmöller