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Es war ein frostiger Februarabend im Stadion am Vogelgesang, doch Borussia Neunkirchen ließ sich davon nicht beirren. Mit einem abgeklärten 3:0 (1:0)-Auswärtssieg beim BSC Rathenow starteten die Saarländer furios in die Gruppenrunde des Liga-Pokals (Verbandsliga P). 1.270 Zuschauer sahen ein Spiel, das zumindest in der ersten halben Stunde nach offenem Schlagabtausch roch - ehe Javier Montanes die Bühne betrat und das Geschehen in eine Ein-Mann-Show verwandelte. "Wir haben uns vorgenommen, gleich zu zeigen, dass wir nicht zum Kaffeetrinken hier sind", grinste Gästetrainer Kada Schmide nach dem Spiel. Seine junge Mannschaft tat genau das - fokussiert, diszipliniert und mit erstaunlicher Reife. Schon in der 7. Minute prüfte Rechtsverteidiger Gauthier Deroeck Heimkeeper Markus Urban mit einem satten Distanzschuss, und als wenig später Günther Berndt von links den Ball frech in die Mitte zog, war klar: Diese Borussia wollte. Rathenow hingegen wollte auch - aber traf einfach nicht. Fynn Winter und Friedrich Mertens hatten in den Anfangsminuten gleich mehrere gute Gelegenheiten, verfehlten das Ziel jedoch um Zentimeter. "Das war wie im Training - nur ohne Netz dahinter", knurrte BSC-Kapitän Heinrich Pfeifer später, der sich nach dem dritten vergebenen Versuch die Stirn rieb wie einer, der weiß, dass der Abend lang wird. In Minute 36 kam dann der Dämpfer: Günther Berndt zündete auf dem linken Flügel den Turbo, legte präzise in den Rückraum, und Montanes schlenzte den Ball mit der Selbstverständlichkeit eines Routiniers ins Eck - 0:1. Es war der erste von zwei Kunstwerken des Spaniers, der zwischen den Linien tanzte, als hätte er heimlich ein Metronom im Fußgelenk. Rathenow kam mit Wut aus der Kabine, doch die Wut verpuffte. Zwar gehörte den Gastgebern mehr Ballbesitz (52 Prozent) und sie gaben ganze zehn Torschüsse ab, aber was half’s? Borussia stand kompakt, lauerte - und schlug erneut zu. In der 52. Minute kombinierte sich Ewan Poe über links nach vorne, steckte zu Montanes durch - derselbe Ablauf, dasselbe Ergebnis: 0:2. Tor, Ruhe, Effizienz. "Wir haben uns an den eigenen Ecken die Zähne ausgebissen", meinte BSC-Stürmer Jürgen Schröder später kopfschüttelnd. Und als ob das nicht genug wäre, schwächte sich Rathenow auch noch selbst. Linksverteidiger Günther Maier sah in der 86. Minute nach wiederholtem Foulspiel Gelb-Rot. "Ich wollte nur den Ball treffen", betonte er - "aber der Ball war halt schon weg." Der Schiedsrichter zeigte Verständnis - und trotzdem die Karte. In Unterzahl zerfiel Rathenows Widerstand endgültig. In der Nachspielzeit hämmerte der 18-jährige Karsten Kirchner nach Vorlage von - natürlich - Montanes den Ball zum 0:3 ins Netz. Jubel? Nur verhalten. Die Borussia-Spieler klatschten ab, als hätten sie das Ergebnis schon in der Kabine geahnt. "Das war ein Lehrstück in Geduld", lobte Trainer Schmide, während Montanes bescheiden abwinkte: "Zwei Tore sind schön, aber wichtiger war, dass wir unsere Linie gehalten haben." Rathenows Coach - sein Name blieb an diesem Abend lieber ungenannt - stand derweil mit verschränkten Armen da und murmelte: "Drei Chancen, drei Tore… das ist halt Fußball. Oder Pech. Oder beides." Statistisch betrachtet war das Spiel fast ausgeglichen - 15:10 Torschüsse für Neunkirchen, ausgeglichenes Ballbesitzverhältnis, ähnlich viele Zweikämpfe. Doch das nackte Ergebnis sprach eine andere Sprache: Cleverness schlägt Aufwand. Borussia spielte "SURE"-Fußball - nicht spektakulär, aber punktgenau, während Rathenow zwar kämpfte, aber am Ende mehr Staub als Tore aufwirbelte. Als die Flutlichtlampen erloschen, blieb ein Bild: Montanes, der mit einem Lächeln Richtung Tribüne winkte, während hinter ihm die Rathenower Spieler still Richtung Kabine trotteten. "Mund abputzen, weitermachen", rief einer der Heimfans halblaut - und bekam ein müdes Nicken zurück. Vielleicht war das Spiel ein Vorgeschmack auf das, was Rathenow in dieser Pokalrunde erwartet: viel Einsatz, aber noch wenig Ertrag. Neunkirchen hingegen wird nach diesem Abend wissen, dass man auch in der Fremde eiskalt zupacken kann. Und Montanes? Der saß nach dem Spiel mit einem Kakao in der Hand in der Mixed Zone und sagte mit einem Augenzwinkern: "Ich bin 20. Ich darf zwei Tore und einen Assist feiern. Morgen trainiere ich wieder. Vielleicht schieße ich dann den Kaffee in den Winkel." Ein Satz, der alles über diesen Abend sagt - über Talent, Leichtigkeit und den Unterschied zwischen Wollen und Können. 22.06.643990 00:29 |
Sprücheklopfer
Die Schweden sind keine Holländer - das hat man ganz genau gesehen.
Franz Beckenbauer