// Startseite
| Notbremse |
| +++ Sportzeitung für Deutschland +++ |
|
|
|
Es war ein kalter Februarabend im Stadion an der Moorstraße, aber die 1865 Zuschauer dürften sich schnell gewärmt haben - nicht etwa durch Glühwein, sondern durch das, was Borussia Emsdetten in den ersten Minuten gegen die KSG Gerlingen veranstaltete. Schon nach drei Minuten zappelte der Ball im Netz, als Pattrick König - nomen est omen - seinem Namen alle Ehre machte und nach Pass von Olivier Albers eiskalt vollstreckte. "Ich hab gar nicht groß nachgedacht", grinste König später, "der Ball kam, ich schoss, und Gott sei Dank stand der Torwart da, wo er nicht stehen sollte." Damit war der Abend für die Gäste eigentlich schon gelaufen. Wer gehofft hatte, Gerlingen würde sich mit Wut im Bauch in die Partie zurückbeißen, wurde schnell eines Besseren belehrt. Borussia Emsdetten spielte, als hätten sie das Patent auf Ballbesitzfußball erworben: 60 Prozent Ballbesitz, dazu 20 Torschüsse - gegen exakt einen einzigen der Gäste. "Das war heute wie Handball um den Strafraum herum", sagte Trainer Nico Wolf später süffisant, "nur dass wir ab und zu auch mal aufs Tor geschossen haben." Und tatsächlich: Emsdetten ließ den Ball laufen, als wäre er magnetisch an den Schuhen der jungen Mannschaft befestigt. Besonders auffällig: der 19-jährige Hermann Kunze auf der linken Seite, der seinen Gegenspieler Fynn Büttner mehrfach schwindlig spielte - und der sich dafür in der 79. Minute eine gelbe Karte abholte, wohl mehr aus Frust als aus taktischem Kalkül. Gerlingen dagegen blieb harmlos wie ein Sonntagsspaziergang. Erst in der 92. Minute tauchten sie überhaupt einmal gefährlich vor Torhüter Martin Busch auf - Heinz Mertens versuchte es mit einem Schuss, der eher an einen Rückpass erinnerte. Busch hielt den Ball fest und lächelte. "Ich wollte auch mal was tun", witzelte er nach dem Spiel, "sonst wäre mir kalt geworden." Das 2:0 fiel schließlich in der 74. Minute, und es passte perfekt ins Bild: Innenverteidiger Herbert Hauser, sonst eher für rustikale Klärungsaktionen bekannt, stieg nach einer Ecke von Avi Hanegbi am höchsten und köpfte den Ball wuchtig in die Maschen. "Ich hab einfach die Augen zugemacht", lachte Hauser, "und gehofft, dass keiner im Weg steht." Es stand keiner im Weg, und die Partie war entschieden. Gerlingens Trainer wirkte danach gefasst, vielleicht auch ein wenig ratlos. "Wir haben versucht, kompakt zu stehen", murmelte er in die Mikrofone, "aber gegen so viel Laufbereitschaft und Präzision kannst du kaum was machen." Seine Mannschaft hatte sich redlich bemüht, doch mit 39 Prozent Ballbesitz und einer Tacklingquote von knapp 42 Prozent blieb kaum Raum für Hoffnung. Emsdettens Coach Nico Wolf dagegen war zufrieden, aber nicht überschwänglich. "Wir haben gut begonnen, dann ein bisschen zu schön gespielt", analysierte er. "In der Landesliga gibt’s keine Schönheitspreise, aber heute hätten wir einen verdient gehabt." Zwischenzeitlich sah man ihn in der Coachingzone wild gestikulieren, als seine Mannschaft trotz Dauerdrucks das zweite Tor lange nicht erzielen konnte. "Ich hab ihnen gesagt: Wenn ihr weiter so spielt, fällt das Tor - oder ich falle um", scherzte er nach der Partie. Die Fans feierten ihre Mannschaft mit stehenden Ovationen. Vor allem König wurde nach seiner Auswechslung in der 85. Minute frenetisch beklatscht. "Er ist jung, aber er denkt wie ein alter Hase", lobte Mitspieler Detlev Hase - und grinste über das eigene Wortspiel. Die Statistik sprach ohnehin Bände: 20:1 Torschüsse, 58 Prozent gewonnene Zweikämpfe, 60 Prozent Ballbesitz - Borussia Emsdetten dominierte das Geschehen in jeder Phase. Selbst die taktische Grundordnung - defensiv laut Aufstellung - wirkte eher wie ein missverständlicher Eintrag im Spielberichtsbogen. Denn was Emsdetten spielte, war kontrollierte Offensive mit Geduld, Präzision und einer Prise jugendlicher Frechheit. Am Ende war es ein Sieg, der keine Fragen offenließ. "Wir wollten zeigen, dass wir oben mitspielen können", sagte Kapitän Hauser, "und das haben wir, denke ich, ganz ordentlich getan." Ein Satz, der wohl untertrieben war. Gerlingen wird sich in den kommenden Wochen steigern müssen, wenn es nicht früh in der Saison ungemütlich werden soll. Emsdetten dagegen blickt nach diesem 2:0 und dem zweiten Zu-null-Spiel in Folge selbstbewusst nach vorn. Oder, wie ein älterer Fan beim Verlassen des Stadions meinte: "Wenn die so weiterspielen, brauchen wir bald ein größeres Stadion - oder wenigstens mehr Würstchenstände." Ein Satz, der an diesem Abend wohl alles zusammenfasste. 03.07.643990 18:10 |
Sprücheklopfer
Man wusste bei mir immer, wo ich dran war.
Günter Netzer über seine rhetorischen Fähigkeiten