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Es war ein kalter Februarabend in Emsdetten, aber auf dem Rasen der Borussia glühte der Kunstrasen fast. 1976 Zuschauer sahen ein Spiel, das von der ersten Minute an so einseitig war wie ein Kindergeburtstag mit nur einem Kuchenmesser. 3:0 hieß es am Ende gegen den FSV Groß-Zimmern - und ehrlich gesagt: Es hätte auch 6:0 ausgehen können. Trainer Nico Wolf stand nach Abpfiff mit einem zufriedenen Lächeln an der Seitenlinie. "Wir hätten früher den Sack zumachen müssen", sagte er - und grinste dabei so, als hätte er gerade das Gegenteil gemeint. Seine Mannschaft hatte 25 Schüsse aufs Tor abgegeben, 60 Prozent Ballbesitz gehabt und das Spiel in jeder Hinsicht kontrolliert. Die Gäste? Ein einziger Torschuss. Wahrscheinlich wird Torwart Martin Busch den Ball nie vergessen - es war der einsamste Abend seiner Karriere. Schon nach wenigen Minuten war klar, wohin die Reise geht. Detlev Hase, erst 19, aber mit der Spielübersicht eines alten Hasen (der Wortwitz liegt auf der Hand), zog aus der Distanz ab. Der Ball rauschte knapp vorbei. "Ich dachte, der ist drin", schnaufte er später. Es sollte nicht sein einziger Versuch bleiben - ganze fünfmal prüfte Hase den Torwart der Gäste, der an diesem Abend der einzige war, der beim FSV so etwas wie Arbeit hatte. In der 37. Minute fiel dann das längst überfällige 1:0. Hase legte klug quer auf Stanislav Brezinsky, der 32-jährige Routinier aus Polen, und der drosch den Ball humorlos ins Netz. Trainer Wolf ballte die Faust, während der Stadionsprecher kaum mit dem Ansagen hinterherkam. "Endlich!", rief ein Fan auf der Tribüne - und sprach damit wohl allen Borussen aus der Seele. Nach der Pause machte Emsdetten weiter, als wäre die Halbzeit nie gewesen. In der 52. Minute war es Pattrick König, der nach traumhafter Vorarbeit von Olivier Albers das 2:0 erzielte. König, gerade mal 20, aber mit der Abgeklärtheit eines Mittelstürmers aus dem Lehrbuch, grinste danach in Richtung Trainerbank: "Ich hab gesagt, der Nächste sitzt!" Und tatsächlich - es saß. Groß-Zimmern versuchte danach, wenigstens in die Nähe des gegnerischen Strafraums zu kommen, aber ihre Offensive wirkte etwa so gefährlich wie ein Wattebausch im Orkan. Trainer Wolf fasste es trocken zusammen: "Die hatten ja mehr Angst vor dem Ball als vor uns." In der Schlussphase setzte der überragende Olivier Albers dann den Schlusspunkt. 87. Minute, wieder eine Kombination über Hase, dann Albers - und der junge Mittelfeldmann schlenzte den Ball unhaltbar ins rechte Eck. 3:0. Deckel drauf. Der Jubel der Zuschauer war fast schon erleichtert: Die Borussia hatte geliefert. "Das war Emsdetten-Fußball, wie ich ihn sehen will", erklärte Wolf später in der Pressekonferenz. "Strukturiert, geduldig und mit dem Willen, das Tor wirklich zu machen - nicht nur davon zu träumen." Auf die Frage eines Reporters, ob er jetzt vom Aufstieg träume, winkte er ab: "Ich träume nur vom nächsten Training. Und vielleicht von einer heißen Dusche." Detlev Hase, an fast jedem Angriff beteiligt, bekam Standing Ovations, als er in der 90. Minute ausgewechselt wurde. "Das Publikum hier ist der Hammer", sagte er danach. "Wenn du hier spielst, fühlst du dich wie in der Champions League - nur ohne das Preisgeld." FSV-Trainer, dessen Name man nach Abpfiff gar nicht mehr so genau wissen wollte, stand mit verschränkten Armen am Spielfeldrand und murmelte: "Wir müssen uns steigern. Dringend." Seine Spieler trotteten vom Platz, als hätten sie gerade einen Marathon verloren, den sie gar nicht laufen wollten. Am Ende blieb von diesem Abend die Erkenntnis: Borussia Emsdetten hat eine junge, hungrige Truppe, die nicht nur laufen, sondern auch kombinieren kann. 25 Torschüsse, 60 Prozent Ballbesitz, drei Tore - die Zahlen lügen nicht. Groß-Zimmern dagegen muss dringend an seiner Balance arbeiten - und vielleicht auch an der Idee, dass Fußball mit Ballbesitz zu tun hat. Und während die Flutlichtmasten langsam erloschen, rief ein Fan noch hinterher: "So können wir weitermachen!" Wenn sie das tun, dürfte Emsdetten in dieser Landesliga-Saison noch öfter für leuchtende Augen sorgen - und für ratlose Gegner. Ein Spiel, das in Erinnerung bleibt - jedenfalls in Emsdetten. In Groß-Zimmern wohl eher nicht. 03.07.643990 08:27 |
Sprücheklopfer
Man darf das Spiel doch nicht so schlecht reden wie es wirklich war.
Olaf Thon