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An einem kühlen Februarabend, Flutlicht, 2.463 Zuschauer und der Duft von Bratwurst über dem Stadion: Borussia Emsdetten schickt Ober-Roden mit einem 2:0 nach Hause - und das, ohne je richtig ins Schwitzen zu geraten. Es war ein Spiel, das vor allem eines zeigte: Wenn Emsdettens Youngster Lust haben, dann ist Landesliga-Fußball plötzlich schön anzusehen. Schon nach elf Minuten bebte die Tribüne. Der 18-jährige Joseba Corona, der aussieht, als hätte er gerade erst den Schülerausweis abgegeben, nutzte die erste echte Gelegenheit eiskalt. Nach einem punktgenauen Pass von Innenverteidiger Carl Haupt - ja, richtig gelesen: vom Innenverteidiger! - jagte Corona das Leder ins rechte Eck. "Ich hab einfach draufgehalten, ehrlich", grinste Corona später, "Trainer Wolf schreit immer, ich soll mutiger sein. Heute hab ich halt mal zugehört." Ober-Roden wirkte da schon leicht überrascht, als hätte man vergessen, dass Fußball auch aus Verteidigen besteht. Zwar versuchte Ralf Herzog in der 7. Minute, mit einem satten Schuss ein Zeichen zu setzen, doch Emsdettens Keeper Frideborg Abramson - gerade einmal 17 Jahre jung - pflückte den Ball so lässig runter, als sei’s ein Trainingsschuss. Nach einer halben Stunde wurde’s noch bitterer für die Gäste. Janis Walther, 19 Jahre alt und auf der linken Seite ein Dauerläufer mit Lunge aus Titan, zog nach schönem Doppelpass mit Heinz Reinhardt nach innen und schlenzte den Ball zum 2:0 ins Netz. "Ich wollte eigentlich flanken", lachte Walther später, "aber wenn der Ball so will wie ich, sag ich nicht nein." Trainer Nico Wolf verzog am Spielfeldrand keine Miene - später gab er aber zu: "Ich hab mir fast die Faust in die Tasche gebissen, um cool zu bleiben." Von Ober-Roden kam danach wenig. Zwar hatte man laut Statistik immerhin fünf Torschüsse, doch wirklich gefährlich wurde es nie. Der beste Versuch kam von Torsten Hofmann kurz nach der Pause, doch Abramson war erneut zur Stelle. "Wenn du so viele junge Kerle auf dem Platz hast, musst du eigentlich Angst haben", meinte Wolf nach dem Spiel schmunzelnd. "Aber die Jungs spielen, als hätten sie nichts zu verlieren - und meistens stimmt das ja auch." Die Borussia kontrollierte das Geschehen mit 58 Prozent Ballbesitz, 16 Torschüssen und einer Zweikampfquote von über 56 Prozent. Das klang nicht nur nach Dominanz, es sah auch so aus. Besonders auffällig: das ruhige Passspiel im Mittelfeld, wo Reinhardt und Hase das Spiel mit kühler Effizienz lenkten. Immer wieder brandete Applaus auf, wenn die jungen Borussen die Kugel zirkulieren ließen - fast so, als wäre man hier in einem höheren Regal des Fußballs unterwegs. Ober-Roden dagegen wirkte ideenlos. Trainer Marco Heine (der an diesem Abend lieber in der Coachingzone als im Rampenlicht stand) versuchte es zur Pause mit lautstarken Kommandos, doch sie verhallten im kalten Emsdettener Wind. In der 39. Minute sah Muhsin Sanli Gelb nach einem rustikalen Einsteigen - das Publikum quittierte es mit dem lakonischen Kommentar: "Endlich mal einer wach!" Später erwischte es auch Manuel Veloso (83.) mit Gelb, als er einen der unermüdlichen Emsdettener Youngster umsäbelte. Nach 80 Minuten durfte Emsdetten dann durchwechseln. Trainer Wolf brachte gleich drei frische Spieler - eine Art Jugend forscht auf Landesliga-Rasen. "Ich wollte, dass alle mal kurz das Flutlicht genießen", sagte er hinterher mit einem Augenzwinkern. Corona bekam stehende Ovationen, als er vom Platz ging - und das völlig zu Recht. In den letzten Minuten plätscherte das Spiel dahin, Ober-Roden versuchte noch einmal zaghaft, aber Emsdetten spielte den Ball wie eine Mannschaft, die wusste: Hier brennt nichts mehr an. Pressing? Fehlanzeige bei den Gästen, während die Borussia am Ende sogar noch Lust auf ein drittes Tor hatte. "Das war reif, das war mutig - und das war verdient", lobte Wolf in der Pressekonferenz. Sein Gegenüber Heine fasste es trocken zusammen: "Wir waren da, aber irgendwie auch nicht." Und so endet ein Winterabend in Emsdetten mit zufriedenen Gesichtern, dampfenden Bechern Glühwein und dem Gefühl, dass hier etwas wächst. Die Borussia hat nicht nur drei Punkte geholt, sondern vielleicht auch ein kleines Stück Zukunft gezeigt. Oder, wie ein älterer Fan beim Verlassen des Stadions sagte, während er sich die Mütze über die Ohren zog: "Wenn die so weitermachen, brauch ich bald ’ne Dauerkarte. Und ’ne Wärmflasche." 04.10.643990 05:40 |
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Mario Basler