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Es gibt Spiele, da fragt man sich, ob die Mannschaften denselben Sport betreiben. Am Dienstagabend war so ein Spiel: Borussia Emsdetten gegen Hassia Bingen, Landesliga 19, 31. Spieltag. 2.214 Zuschauer sahen eine Emsdettener Elf, die Fußball so leicht aussehen ließ, als sei das Runde schon ab Werk magnetisch auf das Eckige eingestellt. Das Endergebnis: 3:0 (2:0) - und das war, ehrlich gesagt, noch schmeichelhaft für die Gäste. Schon nach acht Minuten durfte das Stadion jubeln. Der erst 18-jährige Andrea Mottafollone, zentraler Mittelfeldmotor und offenbar auch Teilzeit-Torjäger, zog nach Doppelpass mit Detlev Hase einfach mal ab - und der Ball zischte flach ins lange Eck. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Mottafollone nach Abpfiff, "aber wenn’s reingeht, sag ich natürlich, es war Absicht." Trainer Nico Wolf lachte nur: "Wenn das Absicht war, dann war’s Kunst. Und ich mag Kunst." Doch bevor Bingen sich vom Schock erholen konnte, legte Emsdetten nach. Wieder Mottafollone, diesmal in Minute 18, auf Vorlage von Janis Walther, der über links wirbelte, als wäre er vom Wind persönlich beauftragt worden. 2:0 - und das Spiel praktisch entschieden. "Da war die Luft raus, und zwar bei uns", bekannte Bingens Kapitän Linus Fleischer später ehrlich. Von Hassia Bingen kam offensiv so viel wie von einem Schneemann im Sommer - exakt null Torschüsse. Während Emsdetten 20 Mal auf das Tor feuerte, blieb Gästekeeper Ernst Hofmann oft das einzige Hindernis zwischen seiner Mannschaft und einer Packung zweistelliger Größe. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen", meinte Hofmann trocken, "hauptsache, ich hab alle Finger noch." Die zweite Halbzeit begann, wie die erste geendet hatte: mit Emsdettener Ballbesitz (61 Prozent insgesamt) und Binger Ratlosigkeit. Trainer Wolf nutzte die komfortable Führung, um das Durchschnittsalter seiner Mannschaft weiter zu senken - drei Wechsel zur Pause, zwei davon für unter 19-Jährige. Einer von ihnen, der 17-jährige Georgi Hubtschew, sollte in der 70. Minute den Schlusspunkt setzen. Nach einem sehenswerten Pass von Heinz Reinhardt, der mit 29 Jahren fast schon als Mannschafts-Opa durchgeht, rauschte Hubtschew von rechts heran und versenkte die Kugel humorlos im kurzen Eck. 3:0 - die endgültige Entscheidung in einem Spiel, das längst entschieden war. "Ich hab einfach draufgehauen", sagte Hubtschew hinterher. "Heinz meinte, ich soll’s versuchen. Und wenn Heinz was sagt, dann mach ich das halt." Bingen versuchte derweil, wenigstens etwas Härte ins Spiel zu bringen. Petar Rangelow sah in der 48. Minute Gelb - eine der wenigen Situationen, in denen ein Spieler der Gäste überhaupt auffiel. "Wir wollten Emsdetten den Spaß verderben", erklärte Trainer Arne Wahl später resigniert, "aber die haben einfach nicht aufgehört, Spaß zu haben." Die Emsdettener dagegen spielten die Partie mit einer bemerkenswerten Ruhe zu Ende. Kein wildes Pressing, kein übertriebener Effort - einfach souveränes Kurzpassspiel, das die Gäste hinterherlaufen ließ. "Wir haben heute gezeigt, dass Defensive auch Spaß machen kann", sagte Wolf und grinste, wissend, dass seine Mannschaft mit einer defensiven Grundausrichtung 20 Torschüsse produziert hatte. Es war einer dieser Abende, an denen alles passte: jung, schnell, frech - und effektiv. Und während die Fans noch die Namen Mottafollone und Hubtschew buchstabierten, träumte mancher wohl schon vom Aufstieg. "Wir sind noch nicht durch", warnte Wolf zum Abschluss, "aber wenn die Jungs so weiter kicken, müssen wir bald neue Superlative erfinden." Und irgendwo in Bingen dürfte man beim nächsten Training hoffen, dass der Ball endlich mal in Richtung gegnerisches Tor fliegt - oder wenigstens über die Mittellinie. Ein Abend, an dem Borussia Emsdetten Fußball zeigte, wie er Spaß macht - zumindest, wenn man im richtigen Trikot steckt. 03.09.643993 02:45 |
Sprücheklopfer
Man darf über ihn jetzt nicht das Knie brechen.
Rudi Völler