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Ein nasskalter Dienstagabend an der Südküste, Flutlicht in St. Mary’s, 50.208 Zuschauer - und am Ende reibt sich die Premier-League-Gemeinde verwundert die Augen: Boreham Wood, der vermeintliche Underdog aus dem Norden Londons, nimmt den FC Southampton mit 3:1 auseinander. Schon zur Pause stand das Endergebnis fest, und die Gesichter der Heimfans wirkten, als hätten sie lieber den Sturm draußen als den im Strafraum erlebt. Dabei fing alles so verheißungsvoll an. In der 20. Minute brachte Nicolaas Derrick die "Saints" in Führung - ein satter Schuss aus der zweiten Reihe, nach klugem Querpass von Owen Hartshorn. "Ich dachte, das wird unser Abend", sagte Trainer Michael Böning später mit einem bitteren Lächeln. "Aber offenbar war das nur der Weckruf für Boreham Wood." Recht hatte er. Denn kaum hatte sich das Publikum noch über das 1:0 gefreut, schlug der Gast zurück - und wie. Vitor Tiago, der rechte Wirbelwind aus Portugal, glich nur drei Minuten später nach Vorarbeit von Noah Kinmont aus. Ein Abschluss so trocken, dass selbst der englische Rasen kurz erschrocken wirkte. Das war der Moment, in dem Boreham Wood merkte: Hier geht was. In der 40. Minute dann der nächste Stich: Kinmont selbst zog aus dem Rückraum ab, nach Pass des 18-jährigen Joseph Adams, und der Ball zappelte im Netz. Adams, der später freimütig zugab, "eigentlich nur klären zu wollen", grinste in der Mixed Zone: "Tja, manchmal ist der liebe Fußball eben großzügig." Und als wäre das nicht genug, legte Tiago in der Nachspielzeit der ersten Hälfte (45.) noch einmal nach - wieder auf Zuspiel von Kinmont, der an diesem Abend schien, als hätte er drei Lungen. 3:1 zur Pause, und die Südtribüne schwieg. Die zweite Halbzeit? Ein Kampf, aber keiner auf Augenhöhe. Southampton rannte, presste, kombinierte - und verzweifelte. Acht Torschüsse der Hausherren standen am Ende 13 der Gäste gegenüber, wobei die Ballbesitzstatistik (49 zu 51 Prozent) trügerisch war: Boreham Wood wusste schlicht mehr damit anzufangen. "Wir haben nicht den Ball geliebt, wir haben ihn benutzt", philosophierte Gästecoach Sven Schliffke nachher, während er zufrieden in seinen Pappbecher Kaffee blies. Southampton versuchte es nach der Pause mit jugendlichem Elan - Dusko Pantelic (18) und Duarte Ramirez (20) kamen, aber die Wende blieb aus. Der junge Ramirez hatte kurz vor Schluss noch eine gute Chance, setzte den Ball aber in die Abendluft. "Ich hab ihn perfekt getroffen", murmelte er hinterher, "leider flog der Ball auch perfekt - ins Nichts." Zwischendurch hatte sich das Spiel in kleine Dramen verwandelt. Carles Ordono sah Gelb, vermutlich aus Frust darüber, dass Tiago schon wieder an ihm vorbeizog. Auf der Gegenseite wurde Kinmont ebenfalls verwarnt - er nahm’s mit einem Schulterzucken: "Wenn man mich nicht stoppen kann, muss man mich eben aufschreiben." Statistisch blieb Southampton kaum etwas erspart: weniger Torschüsse, etwas weniger Ballbesitz, eine Tacklingquote unter 50 Prozent. Selbst das Publikum, sonst zuverlässig laut, wirkte zunehmend ratlos. In der 70. Minute brachte Böning den erfahrenen Bailey Kendall - aber der wirkte wie jemand, der in einen Film einsteigt, dessen Handlung längst entschieden ist. In der Schlussphase verwaltete Boreham Wood das Ergebnis mit erstaunlicher Ruhe. Kein wildes Pressing, keine Hektik, einfach solides, fast biederes Zeitspiel. "Wir haben uns gesagt: Wenn wir schon führen, können wir ja mal so tun, als wären wir Manchester City", witzelte Tiago später. "Hat ganz gut funktioniert." Und tatsächlich: Der Drittligist im Geiste spielte wie ein Erstligist, während Southampton an diesem Abend wie ein Team wirkte, das noch auf den Bus wartete. Am Ende blieb das 1:3 stehen - ein Ergebnis, das die Tabellen nicht auf den Kopf stellt, aber einige Köpfe in Southampton wohl schon. Trainer Böning kündigte "Gespräche" an, was in Fußballsprache meist bedeutet: lange Gesichter am Trainingsplatz. Sein Gegenüber Schliffke dagegen grinste: "Ich hab meinen Jungs gesagt, sie sollen Spaß haben. Ich wusste nur nicht, dass sie so viel Spaß haben würden." Manchmal braucht es im Fußball eben keine 70 Prozent Ballbesitz, sondern 70 Prozent Mut. Boreham Wood hatte beides - und verlässt Southampton mit drei Toren, drei Punkten und einem Abend, über den sie in der Kleinstadt noch lange reden werden. Oder, wie es ein Zuschauer auf der Tribüne zusammenfasste: "Wir sind nicht oft hier - aber wenn, dann machen wir’s richtig." 14.06.643993 05:18 |
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