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Es war einer dieser Abende, an denen Boreham Wood ein Kapitel aus einem Märchenbuch schreiben wollte - und am Ende nur eine schöne Fußnote blieb. Vor 53.100 Zuschauern im Pokal-Achtelfinale gegen den FC Southampton reichte es für die Hausherren trotz beherztem Auftritt nur zu einem 2:3 (1:3). Während die Saints in der ersten Halbzeit schon nach einer halben Stunde fast alles klarmachten, weckte ein spätes Aufbäumen der Gastgeber noch einmal alle Emotionen im Stadion. Gerade zehn Minuten waren gespielt, da sah man, warum Southampton als Favorit angetreten war. Manuel Tiago, der bullige Mittelstürmer, traf eiskalt nach Vorarbeit von Gabriel Beecroft - 0:1. Zwei Minuten später drehte Beecroft selbst auf und schob den Ball lässig ins lange Eck. Boreham Woods Trainer Sven Schliffke schlug die Hände über dem Kopf zusammen: "Ich hatte eigentlich gehofft, wir würden die ersten 15 Minuten überstehen, ohne Lehrfilmcharakter." Er lachte dabei, aber nur halb. Doch die Hausherren gaben sich nicht auf. In der 18. Minute legte Noah Kinmont im Mittelfeld klug auf Vitor Tiago ab, der trocken ins Netz traf. Die Zuschauer jubelten, als hätten sie gerade das Wunder von Boreham eingeläutet. "Da haben wir kurz gespürt, dass wir mithalten können", sagte Torschütze Tiago später mit einem Grinsen. "Leider hat Gabriel Beecroft das nicht gelesen." Denn der junge Flügelstürmer Beecroft, erst 21 und mit dem Selbstbewusstsein eines 30-Tore-Stürmers, machte in der 36. Minute sein zweites Tor und den alten Abstand wiederher. Nach Vorarbeit von Nicolaas Derrick ließ er Keeper Rhys Boyle keine Chance. Das 1:3 zur Pause fühlte sich für Boreham Wood an wie eine kalte Dusche nach einem heißen Traum. In der Kabine muss Trainer Schliffke laut geworden sein - zumindest klang es so, als seine Spieler in Hälfte zwei plötzlich mutiger auftraten. Southampton-Coach Michael Böning hatte sein Team derweil von aktivem Pressing auf kontrollierte Offensive umgestellt - und das Spiel verlor etwas an Tempo, was Boreham Wood zugutekam. Ab der 60. Minute rollte eine Angriffswelle nach der anderen auf das Saints-Tor. Carlos Izquierdo, eigentlich Innenverteidiger, verwandelte in der 74. Minute nach einer Ecke von Ellis Roades per Kopf und brachte die Gastgeber wieder ran - 2:3! Das Stadion bebte, Kinder schrien, und selbst der Stadionsprecher klang, als habe er gerade das Siegtor gesehen. "In dem Moment dachte ich: Jetzt kippt’s", gab Böning später zu. "Aber dann fiel mir ein - wir sind Southampton. Wir dürfen das nicht aus der Hand geben." Und tatsächlich: Die Saints brachten das Ergebnis über die Zeit, auch wenn Boreham Wood bis zum Schlusspfiff alles versuchte. Samuel Harrington hatte in der Nachspielzeit noch eine Riesenchance, als er aus spitzem Winkel abzog - doch Keeper Gabriel Clancy rettete mit den Fingerspitzen. Statistisch war das Spiel erstaunlich ausgeglichen: Beide Teams kamen auf je sieben Torschüsse, Boreham Wood hatte mit 51 Prozent leicht mehr Ballbesitz, die Zweikampfquote lag fast pari. Doch Fußball wird bekanntlich nicht nach Prozenten entschieden, sondern nach Toren - und da hatte Southampton einfach die klareren Momente. Nach Abpfiff sagte Schliffke in die Mikrofone: "Wir haben heute nicht verloren, wir haben Erfahrung gewonnen." Ein Zuschauer rief daraufhin laut: "Kann man davon auch ins Viertelfinale einziehen?" - worauf der Trainer trocken antwortete: "Nur, wenn man sie sammelt wie Punkte." Beecroft, der Mann des Abends, wurde von seinen Mitspielern gefeiert. "Wenn ich ehrlich bin", grinste er, "war das zweite Tor schöner als das erste. Aber beide zählen gleich, oder?" Southampton zieht also verdient ins Viertelfinale ein, doch Boreham Wood verabschiedet sich erhobenen Hauptes. Die Fans sangen noch lange nach Spielende, während die Spieler klatschten, als hätten sie gerade einen Sieg gefeiert. Vielleicht war das kein Märchen mit Happy End - aber eines, das man sich in Boreham noch oft erzählen wird. Und wer weiß: Vielleicht ist der Prinz, der das nächste Kapitel schreibt, schon im Nachwuchsteam versteckt. Bis dahin bleibt nur der Trost, dass man den großen FC Southampton wenigstens kurz ins Schwitzen brachte - und das ist in diesem Pokalwinter auch schon eine kleine Sensation. 27.01.643991 19:33 |
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Man sollte die Presse nicht wichtiger machen, wie sie wichtig gemacht wird.
Lothar Matthäus