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4753 Zuschauer im Bochumer Stadion erlebten am 26. Spieltag der Oberliga F einen dieser Abende, an denen man merkt: Leidenschaft schlägt Routine. Bochum, mit einem Durchschnittsalter, das man sonst nur in U‑20‑Turnieren sieht, bezwang Empor Rostock mit 2:1 (2:0). Trainer Thorsten Peter stand nach dem Schlusspfiff mit einem breiten Grinsen am Spielfeldrand: "Ich sag’s mal so: Wenn die Jungs weiter so spielen, brauche ich bald keine Haarfarbe mehr für die grauen Haare, sondern Sonnencreme für den Pokalglanz." Der Mann wusste, wovon er sprach - seine Youngster spielten in der ersten Hälfte Fußball wie aus einem Guss. Schon in der Anfangsphase zeigte Bochum, wer das Zepter führen würde. 58 Prozent Ballbesitz, 14 Torschüsse - das war kein Zufall, sondern Ausdruck eines klaren Plans: über die Flügel Tempo aufnehmen, die Außenverteidiger mit einbinden, und vorne den Ball direkt verarbeiten. Empor Rostock dagegen wirkte, als sei die Busfahrt anstrengender gewesen als gedacht. In der 31. Minute zündete Karsten Schön, 19 Jahre jung und frech wie ein Straßenkicker, den Turbo. Nach einem klugen Pass von Rechtsverteidiger Bernard Mathieu nahm er Maß und traf trocken zum 1:0. Der Jubel war jugendlich ungestüm - Schön sprang seinem Trainer fast in die Arme. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste er später. "Bernard meinte vorher noch: ’Mach ihn einfach rein, dann gibt’s Pizza nach dem Spiel.’ Scheint geholfen zu haben." Nur vier Minuten später wurde es richtig laut. Der 21‑jährige Cameron Hoskins, bis dahin eher mit auffälliger Frisur als mit Toren in Erscheinung getreten, traf nach Vorarbeit von Bernt Behrens zum 2:0 (35.). Empor Rostock wirkte konsterniert, die Abwehrkette um den verwarnten Christopher Lauer war in Auflösung begriffen. Bis zur Pause dominierte Bochum das Geschehen. Die Offensivreihe presste klug, das Mittelfeld kombinierte mit erstaunlicher Ruhe. "Wir wollten einfach Fußball spielen", erklärte Behrens später. "Wir wussten, dass Rostock auf Konter lauert, also mussten wir sie gar nicht erst dazu kommen lassen." Nach dem Seitenwechsel stellte Johan Johansson, der schwedische Coach der Gäste, um. Empor spielte nun mutiger, schob die Außen höher und setzte auf kürzere Pässe durchs Zentrum. Der Plan ging in der 58. Minute auf: Lars Schumacher, der bis dahin unauffällige linke Mittelfeldmann, traf nach Vorarbeit von Maurice Hofmann zum 2:1. Das Tor war wie ein Weckruf für die Nordlichter. Plötzlich stand Bochum unter Druck - der Ball lief durch die Reihen von Empor, und Torhüter Florian Frei, gerade einmal 17 Jahre alt, durfte zeigen, dass er mehr ist als ein Jugendprojekt. Mit zwei Glanzparaden gegen Hauser (68.) und Kessler (84.) rettete er seiner Mannschaft die knappe Führung. "Ich hab einfach versucht, nicht zu denken", sagte Frei hinterher. "Das klappt bei Mathe nicht, aber im Tor ganz gut." In der 72. Minute dann der Schreckmoment: Hoskins blieb nach einem Zweikampf liegen. Die Diagnose stand sofort fest - ausgekugelte Schulter. Liam Davonport kam für ihn und fügte sich nahtlos ein, brachte Ruhe und ein paar freche Dribblings, die sogar den Stadionsprecher zu einem anerkennenden "Oho!" hinrissen. Empor Rostock wechselte offensiv - Weber, Riedel, später Merkel - doch die Wucht reichte nicht mehr. Das Team hatte neun Torschüsse, aber zu wenig Zielwasser. Johansson resümierte trocken: "Wir hatten die Chancen, aber Bochum hat den Mut. Und Mut schlägt manchmal Erfahrung." Die Schlussphase war ein Nervenspiel. Bochum verteidigte mit allem, was Beine hatte, und wenn gar nichts mehr ging, half der Zufall. In der 90. Minute zog Björn Hafner noch einmal ab, aber Frei lenkte den Ball über die Latte. Danach war Schluss - und das Ruhrstadion ein Tollhaus. Statistisch betrachtet war es ein verdienter Sieg: Mehr Ballbesitz, mehr Abschlüsse, mehr Tempo. Taktisch blieb Thorsten Peter seinem Flügelspiel treu, während Johansson trotz Anpassungen keinen Zugriff fand. Zum Abschied sagte Schön in die Mikrofone: "Manchmal läuft’s einfach. Heute war so ein Tag. Und jetzt? Jetzt holen wir uns Pizza." Ein bisschen jugendlicher Leichtsinn, ein bisschen Ruhrpott‑Wille - und am Ende drei Punkte. Bochum klettert in der Tabelle, Empor Rostock fährt mit hängenden Köpfen, aber immerhin ohne Ohrwurm Heim. Fußball kann manchmal so schlicht sein. 17.07.643993 02:35 |
Sprücheklopfer
Kopfball war für mich immer so etwas ähnliches wie Handspiel.
Günter Netzer