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Ein Flutlichtabend, 27.000 Zuschauer und ein Tor, das man getrost als "ungewöhnlich" bezeichnen darf: Die Holyhead Blues entführten beim 1:0-Sieg gegen die Connahs Quay Nomads drei Punkte aus dem Deeside Stadium - und das dank eines Innenverteidigers, der offenbar vergessen hatte, dass er eigentlich kein Stürmer ist. Bereits in der achten Minute ereignete sich die Szene des Abends. Nach einer Ecke von Rechtsaußen Ferenc Kabat sprang Lucas Simpson, 25 Jahre jung, Innenverteidiger mit Sinn für Dramatik, am höchsten und nickte den Ball wuchtig ins rechte Eck. Nomads-Keeper Jamie Bancroft streckte sich vergeblich, während der Ball zum 0:1 im Netz zappelte. "Ich wollte eigentlich nur stören", grinste Simpson nach dem Spiel, "aber der Ball hat mich wohl gemocht." Was danach folgte, war ein 82‑minütiger Versuch der Nomads, das Spiel irgendwie wieder in den Griff zu bekommen. Rein statistisch gelang ihnen das sogar halbwegs - der Ballbesitz war mit 50,05 Prozent knapp auf ihrer Seite. Aber während die Blues 17 Mal auf das Tor schossen, brachten es die Gastgeber gerade einmal auf sieben Versuche. Und so blieb das frühe Tor der einzige echte Treffer des Abends. Die ersten 45 Minuten waren geprägt von hektischen Angriffen und ungenauen Pässen. Schon in der 12. Minute sah Connahs Quays Routinier Nelio Marin Gelb, nachdem er Holyheads Linksverteidiger Enrique Blanco etwas zu deutlich an der Schulter "begrüßt" hatte. Trainer der Blues, Jürgen Steinmetz, kommentierte das trocken: "Nelio wollte wohl prüfen, ob Enrique wach ist - war er danach auf jeden Fall." Marin blieb überhaupt einer der auffälligeren Nomads-Spieler, schoss in der 18., 66. und 80. Minute aufs Tor, doch jedes Mal fehlten Zentimeter oder Blues-Torhüter Rafael Arino war zur Stelle. Nach dem Abpfiff meinte Marin leicht genervt: "Ich hätte den Ball auch mit einem Navi nicht ins Tor bekommen. Arino stand immer da, wo er nicht stehen sollte." Connahs Quay-Coach (der offenbar lieber anonym blieb, zumindest laut offizieller Liste) versuchte in der Halbzeit, den Druck zu erhöhen. Die Taktik blieb ausgewogen, aber die Körpersprache war kämpferischer. Der junge Mittelfeldspieler Joel Thackeray (19) deutete später an: "In der Kabine hat’s kurz geknallt - verbal, versteht sich. Wir wollten das drehen." Doch der Plan blieb Theorie. Die Blues, taktisch dauerhaft offensiv ausgerichtet, kontrollierten das Geschehen clever. Besonders auffällig: der 33‑jährige Ungar Ferenc Kabat, der nicht nur den Assist zum Tor lieferte, sondern auch im zweiten Durchgang mit drei gefährlichen Schüssen auffiel (58., 67., 88.). "Ferenc war heute unser Metronom", lobte Steinmetz. "Er läuft, passt, schießt - und wenn’s sein muss, erzählt er den Gegnern auch, dass sie müde aussehen." Die Nomads versuchten es in der Schlussphase mit langen Bällen, doch die Blues verteidigten kompromisslos. Innenverteidiger Max Combe und Torschütze Simpson klärten im Minutentakt. Als in der 77. Minute Thackeray den Ball aus 20 Metern knapp über die Latte drosch, sprang der ganze Block hinter dem Tor auf - aber das Netz blieb unberührt. Ein leicht skurriler Moment sorgte in der 84. Minute noch für Lacher: Nach einem abgewehrten Grantham-Schuss rollte der Ball Richtung Seitenaus, wo Trainer Steinmetz ihn artistisch mit der Hacke stoppte - und prompt vom vierten Offiziellen ermahnt wurde. "Ich wollte nur mitspielen", grinste er später. Am Ende blieb es beim 0:1, das den Blues drei wertvolle Punkte im Kampf um die obere Tabellenhälfte beschert. Die Nomads dagegen müssen sich fragen, wie man ein Heimspiel mit fast identischem Ballbesitz, aber deutlich weniger Torgefahr so früh aus der Hand geben kann. "Wir waren da, aber nicht wirklich da", fasste Nomads-Mittelfeldmann Alexander Cunningham die Lage zusammen. "Manchmal fühlt sich Fußball an wie ein schlechter Witz - und heute war’s einer auf unsere Kosten." Die Fans verabschiedeten ihre Mannschaft dennoch mit Applaus. Vielleicht, weil sie wussten, dass es solche Spiele eben gibt - Spiele, in denen ein Innenverteidiger zum Matchwinner wird und der Rest der 90 Minuten ein einziger, leicht ironischer Beweis dafür ist, dass Statistik nicht gleich Spannung bedeutet. Und so leuchteten die Scheinwerfer über Connah’s Quay, die Blues feierten ausgelassen, und Lucas Simpson grinste in jede Kamera. "Ich? Ein Torjäger? Vielleicht einmal im Jahrzehnt", sagte er. Die Nomads werden hoffen, dass das nächste Jahrzehnt nicht schon nächsten Samstag beginnt. 04.11.643987 14:44 |
Sprücheklopfer
Wie so oft liegt auch hier die Mitte in der Wahrheit.
Rudi Völler