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Wer glaubt, Fußball sei eine Frage der Taktik, der sollte sich das Spektakel der Holyhead Blues gegen Llandudno Athletic am 33. Spieltag der 1. Liga Wales noch einmal in Ruhe anschauen - oder besser gesagt: genießen. 36.941 Zuschauer im ausverkauften Hafenstadion sahen ein 5:2, das sich von einem nervösen Beginn zu einem wahren Sturm der Emotionen entwickelte. Dabei sah es in den ersten 45 Minuten gar nicht nach einem Heimsieg aus. Llandudno, jung, frech, unerschrocken, legte los wie ein walisischer Frühlingssturm. In der 15. Minute traf Yehudit Naphtali nach Vorarbeit von Miralem Markovic zum 0:1 - eiskalt, flach ins Eck, und Holyheads Torwart Damian Maniche blieb nur das resignierte Schulterzucken. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", murmelte Maniche später mit einem bitteren Lächeln. Die Blues wirkten danach angezählt, Leo Lancaster prüfte zwar früh den Gästetorwart, doch Llandudno blieb bissig. Erst kurz vor der Pause gelang dem Gastgeber der Ausgleich: Lewis Kinsella verwandelte eine Vorlage von Cesc Moutinho (40.), nur um im Gegenzug zuzusehen, wie Pascal Gramont für die Gäste erneut traf (41.). Halbzeit: 1:2. Auf den Rängen wurde bereits gemurrt, und ein älterer Fan rief lautstark: "Steinmetz, mach was! Wir zahlen hier Eintritt!" Trainer Jürgen Steinmetz tat tatsächlich etwas - und wie! Gleich drei Wechsel zur Pause, ein klares Signal. Tobias Werner kam ins Zentrum, Tzipi Itzhaki übernahm die rechte Seite, Charlie Browning rückte nach hinten. "Ich wollte mehr Erfahrung auf dem Platz und weniger Schlaf in den Gesichtern", erklärte Steinmetz später trocken. Was dann folgte, war eine Demonstration. Holyhead drehte auf, presste höher, spielte schneller, und plötzlich klappte alles, was vorher schiefging. Ryan Caviness eröffnete das Feuerwerk in der 51. Minute nach Vorarbeit von Werner - 2:2. Erst jubelten die Fans erleichtert, dann eskalierte das Stadion innerhalb von drei Minuten: Noah Barbier traf doppelt (69. und 71.), einmal nach Pass von Nicolas Theunis, einmal wieder auf Vorlage von Werner. Und weil es so schön war, setzte Kinsella in der 72. Minute gleich noch einen drauf - 5:2. "Das war wie ein Orkan, der plötzlich vom Meer kam", grinste Kapitän Werner. "Wir wollten zeigen, dass wir nicht nur schön segeln, sondern auch anständig stürmen können." In Zahlen klang das Ganze ebenso deutlich: 22 Torschüsse für Holyhead, nur sechs für Llandudno. 53 Prozent Ballbesitz, 55 Prozent gewonnene Zweikämpfe - kurz gesagt, ein Powerplay in Blau. Die Gäste wirkten nach der Pause wie eingefroren, ihr Pressing blieb, freundlich formuliert, theoretischer Natur. Trainer Robert Seelow schüttelte nach Abpfiff den Kopf: "Wir haben den Stecker gezogen bekommen und ihn nicht wiedergefunden. Aber gut, meine Jungs sind 19, 20 - die dürfen noch lernen, dass ein Spiel 90 Minuten dauert." Auch Holyheads Trainer Steinmetz konnte sich ein Augenzwinkern nicht verkneifen: "Ich wusste, dass wir zurückkommen. Ich wusste nur nicht, ob es noch rechtzeitig passiert." Am Spielfeldrand wurde in der zweiten Hälfte gelacht, gejubelt, geatmet wie in einer Achterbahn. Selbst der sonst stoische Stadionsprecher verhaspelte sich bei Barbiers zweitem Treffer und begrüßte ihn versehentlich als "Noah, der Erlöser". Gegen Ende hätte es sogar noch höher ausfallen können: Madigan und Barbier vergaben Chancen, Caviness prüfte den Torwart in der Nachspielzeit noch einmal. Doch beim Schlusspfiff war alles gesagt. Die Blues hatten sich den Frust der ersten Hälfte aus den Beinen geschossen und ließen sich minutenlang feiern. Llandudno verschwand dagegen still in die Kabine, wohl wissend, dass sie eine Halbzeit lang das bessere Team waren - und dann von der Realität überrollt wurden. "So ist Fußball", sagte Kinsella später mit einem Grinsen, während er in der Mixed Zone die Schuhsohlen inspizierte. "Mal bist du unter Wasser, mal obenauf - heute waren wir gleich beides." Ein Abend, der in Holyhead noch lange in den Pubs besprochen werden dürfte. Und wenn man genau hinhört, wird man dort sicherlich noch oft den Satz hören: "Erinnerst du dich an das 5:2 gegen Llandudno?" Denn solche Spiele sind der Grund, warum selbst der Fischhändler am Hafen am nächsten Morgen wieder pfeifend zur Arbeit geht. 26.09.643993 07:27 |
Sprücheklopfer
Es ist mir völlig egal, was es wird. Hauptsache, er ist gesund.
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