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Manchmal schreibt der Fußball Geschichten, die man kaum glauben würde - und manchmal schreibt er einfach Statistiken in Reinkultur. 57 Prozent Ballbesitz für Stade Bordelais, elf Torschüsse für Blau-Weiss Luzern, drei für die Hausherren - und am Ende ein klares 0:2. Die 32.205 Zuschauer im Stade Sainte-Catherine sahen am Donnerstagabend ein Spiel, das eigentlich keines war: Die Franzosen hielten den Ball, die Schweizer das Resultat. Schon nach fünf Minuten ließ Luzerns Rechtsaußen Robert Locklear den ersten Warnschuss los, und es sollte nicht der letzte bleiben. Die Mannschaft von Trainer Reinhard Wild, der an der Seitenlinie so unaufgeregt wirkte, als würde er eine Tasse Kräutertee umrühren, spielte schnörkellos über die Flügel. "Wir wussten, dass sie gerne schön aussehen wollen", meinte Wild später mit einem schmalen Lächeln. "Wir wollten einfach nur gewinnen." In der 22. Minute folgte dann die erste kalte Dusche für Bordeaux - oder vielleicht eher der erste Eimer Eiswasser. Finn Hase, der flinke 22-Jährige auf der linken Seite, zog nach feinem Zuspiel von Linksverteidiger Joseph Wendt in die Mitte und schlenzte den Ball unhaltbar ins rechte Eck. 0:1, und die Fans der Gastgeber rieben sich die Augen. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", sagte Torwart Rafet Özalan später kleinlaut. "War er aber leider nicht." Trotz des Rückstands hielt Stade Bordelais an seinem Plan fest: kontrollierter Aufbau, geduldige Pässe, kein Risiko. Das Ergebnis: jede Menge Ballbesitz, aber kaum Gefahr. Michael Coppola, der erfahrene Linksaußen, probierte es in der 18. und 30. Minute - beide Male landete der Ball in den Armen von Luzerns Keeper Lasse Rauch, der seinen Namen nur selten so wörtlich nehmen durfte. Kurz vor der Pause wurde es dann ruppig. Luzerns junger Innenverteidiger Franck Stock sah Gelb für ein rustikales Einsteigen, kurz darauf gesellte sich sein Mitspieler Joseph Wendt dazu. Zwei Gelbe Karten, zwei Grinsen - und ein Trainer Wild, der auf der Bank nur mit den Schultern zuckte: "Manchmal braucht man ein bisschen Feuer, damit’s warm bleibt." Im zweiten Durchgang änderte sich das Bild kaum. Bordeaux spielte, Luzern traf. In der 74. Minute sorgte Roger Römer für die Entscheidung. Der 23-Jährige verwertete eine butterweiche Flanke des eingewechselten Rechtsverteidigers Jan Born, der kurz zuvor auf den Platz gekommen war - ein Joker-Effekt, der selbst Trainer Wild kurz die Lippen zu einem breiten Grinsen verzog. "Der Junge darf jetzt öfter ran", sagte er nach dem Spiel. "Solange er weiter so zielt." Während Luzern jubelte, fanden die Franzosen keinen Weg durch die kompakte Defensive. Trainer Micheal Jackson (nein, nicht der) tanzte an der Seitenlinie zwar nicht, aber man konnte förmlich sehen, wie es in ihm arbeitete. "Wir haben den Ball schön laufen lassen", sagte er nach dem Spiel, "aber leider nicht dorthin, wo’s zählt." In der Schlussphase wurde es noch einmal wild - allerdings im falschen Sinne. Wendt sah in der Nachspielzeit die Gelb-Rote Karte, und der eingewechselte Born holte sich in Minute 96 auch noch Gelb ab. "Wir wollten einfach sicher sein, dass wir die Statistik anführen", witzelte Luzerns Kapitän Dylan Bosworth später. So endete ein Abend, an dem Bordeaux zwar die Ästhetik, Luzern aber den Pragmatismus gewann. 0:2 stand es am Ende, und das vollkommen verdient. Die Schweizer hatten ihre Flügelspiel-Taktik (passend zur "offensiven" Marschroute) eiskalt umgesetzt, während die Gastgeber mit ihrem "balanced counter"-Ansatz eher auf Sparflamme kochten. Statistisch gesehen war es ein Spiel der Gegensätze: Mehr Ballbesitz für Bordeaux, mehr Effizienz für Luzern. Mehr Gelbe Karten für Luzern, mehr ratlose Gesichter in Bordeaux. Und irgendwo in der Ferne summte Trainer Jackson vielleicht leise "Don’t stop till you get enough" - aber diesmal war’s einfach nicht genug. "Wir sind noch im Rennen", sagte er zum Schluss mit einem Anflug von Trotz. "Aber heute war Luzern einfach cleverer. Und manchmal reicht das im Fußball." Ein Abend, an dem die Schweiz französischen Wein in Wasser verwandelte - und das ziemlich souverän. 07.11.643990 23:25 |
Sprücheklopfer
Das Positive war, dass wir hinten zu Null gespielt haben. Das Negative war, dass wir auch vorne zu Null gespielt haben.
Felix Magath