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Es war einer dieser Abende im Stadion Grüne Au, an dem man sich fragt, ob der Fußballgott gerade Urlaub macht. 3717 Zuschauer sahen ein 0:0 der Kategorie "unglaublich, aber wahr" zwischen Bayern Hof und RW Erfurt - ein Spiel, das in den Statistiken wie eine Demonstration aussah, auf der Anzeigetafel aber wie eine Ohrfeige. Von Beginn an legte Bayern Hof los, als gäbe es für jeden Torschuss einen Punkt. Bereits in der ersten Minute zog Christian Sorglos ab, als wolle er den Ball samt Tor ins benachbarte Vogtland befördern. Kurz darauf prüfte Raphael Franz den Erfurter Keeper Horst Schramm mit einem Distanzhammer, der das Tornetz nur von außen streifte. "Ich dachte, der geht rein, aber da war wohl ein unsichtbarer Magnet im Pfosten", grinste Franz nach dem Spiel und zuckte mit den Schultern. Die Gäste aus Erfurt, trainiert von Mario Pingel, hatten offenbar beschlossen, dass Verteidigen auch eine Form von Angriff sein kann - zumindest auf die Nerven des Gegners. Mit einer Taktik, die man nur als "Betonmischer mit Handbremse" bezeichnen kann, rückten sie kaum über die Mittellinie hinaus. Ein einziger Torschuss in 90 Minuten - der von Liam Berndt in der 80. Minute - reichte immerhin, um Fikret Gürsoy im Hofer Tor daran zu erinnern, dass er noch im Spiel war. Ansonsten spielte nur Bayern Hof. 60 Prozent Ballbesitz, 21 Torschüsse, 58 Prozent gewonnene Zweikämpfe - Werte, die normalerweise drei Punkte garantieren. Doch an diesem Freitagabend war das Tor der Gäste offenbar verschlossen, und zwar mit drei Riegeln, einer Kette und einem Glücksbringer. Marcus Lorenz scheiterte dreimal aus besten Positionen (41., 51. und 90.), Detlev Henning traf in der 47. Minute nur die Latte, und selbst Linksverteidiger Torsten Zimmer versuchte sich zweimal (56. und 58.) aus der zweiten Reihe - ohne Erfolg. Trainer Pingel stand derweil regungslos an der Seitenlinie, die Hände tief in den Taschen, und murmelte immer wieder etwas von "defensiver Disziplin". Nach dem Spiel gab er zu: "Wir wussten, dass wir heute nur mit Geduld und viel Glück etwas holen können. Das Glück hatten wir, die Geduld sowieso." Man könnte sagen, der Plan ging auf - allerdings nur, wenn man als Ziel hatte, 89 Minuten lang zu leiden und dann erleichtert abpfeifen zu dürfen. Etwas anders sah das natürlich Hof-Coach (dessen Name in den Statistiken kurioserweise fehlt, aber an seiner Körpersprache erkannte man: Er hatte es satt). Schon in der 75. Minute brüllte er Richtung Spielfeld: "Wenn ihr noch näher ans Tor wollt, müsst ihr Eintritt zahlen!" - eine Mischung aus Frust und Galgenhumor, die auf der Tribüne für Lacher sorgte. Die Szene des Spiels gehörte dennoch den beiden Innenverteidigern. In der 73. und 77. Minute stieg der junge Johannes Binder im Strafraum hoch und köpfte zweimal wuchtig aufs Tor. Beide Male hielt Schramm mit Reflexen, die man sonst eher in Computerspielen sieht. Binder kassierte später noch die Gelbe Karte (82.), offenbar aus purer Verzweiflung, weil man gegen diesen Keeper einfach nicht treffen konnte. "Ich wollte nur zeigen, dass ich noch da bin", erklärte er lachend. Die Erfurter Defensive - ein Bollwerk aus jugendlichem Übermut und taktischem Zement - überstand auch die Nachspielzeit. Als Schiedsrichter Bittner nach 95 Minuten abpfiff, sanken beide Teams zu Boden: die einen erschöpft, die anderen erleichtert. "Manchmal ist Fußball eben ungerecht", meinte Hofer Mittelfeldmann Lukas Busch, der ebenfalls zwei gute Chancen (13. und 63.) liegen ließ. "Aber wenn man 21 Mal schießt und keiner rein will - dann ist das vielleicht auch einfach Kunst." So endete ein Spiel, das von der Statistik her 5:0 heißen müsste, aber auf dem Papier 0:0 blieb. RW Erfurt nimmt einen Punkt mit, der sich anfühlt wie ein Sieg, während Bayern Hof in der Kabine wahrscheinlich noch immer auf die Latte einschießt. Und irgendwo auf der Tribüne summte ein älterer Fan beim Hinausgehen: "Wenn du denkst, schlimmer kann’s nicht kommen..." - aber das ist bekanntlich eine Zeile, die im Fußball selten stimmt. Bei Bayern Hof dürfte man das jetzt endgültig wissen. 16.12.643993 05:32 |
Sprücheklopfer
Hoch gwinnen wern ma nimma.
Toni Polster in der Halbzeitpause des Länderspiels Spanien gegen Österreich beim Spielstand von 5:0 (Endstand 9:0 für Spanien)