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Es war einer dieser Pokalabende, an denen man spürt, dass Fußball manchmal keine Mathematik ist. 59.625 Zuschauer im Barrow-Stadion sahen am Montagabend, wie der Drittligist Barrow AFC den vermeintlichen Favoriten Hull Tigers mit 1:0 aus dem Wettbewerb warf - und das mit einem Spiel, das mehr Herz als Schönheit hatte. "Ich hab’ den Ball einfach gesehen und gedacht: jetzt oder nie", sagte Freddie Hannigan später mit einem Grinsen, das ungefähr so breit war wie der Strafraum. Der 24-jährige Mittelfeldmann entschied die Partie mit seinem Treffer in der 46. Minute - Sekunden nach dem Wiederanpfiff. Rechtsverteidiger Kai Haddington spielte den Ball scharf flach in die Mitte, Hannigan rauschte heran und drückte ihn aus 14 Metern überlegt ins linke Eck. Trainer Ingo Königs sah danach kurz aus, als wolle er zum Sprint über die Seitenlinie ansetzen. "Ich hab’ ihm zugerufen: ’Bleib ruhig, Freddie!’ Aber ehrlich, ich war selbst nicht ruhig. Ich hab’ die Wasserflasche fast verschluckt", lachte der Barrow-Coach später in der Pressekonferenz. Bis dahin hatte Barrow schon ein Dutzend Chancen vergeben - 15 Torschüsse insgesamt, die meisten davon in der ersten Hälfte. Besonders Arnau Mascarenhas und César Vázquez sorgten über die Flügel für Betrieb, doch der Ball wollte einfach nicht rein. Hulls Keeper Joel Eliot, blutjung und blitzschnell, hielt sein Team mit mehreren Reflexen im Spiel. Hull wiederum kam kaum zu zwingenden Aktionen. Drei Schüsse aufs Tor: mehr war nicht drin. "Wir hatten heute einfach keinen Zugriff", gab Gästetrainer Mathias Oergel unumwunden zu. "Barrow war galliger, schneller, wacher - und leider auch besser." Dabei hatten die Tigers durchaus versucht, das Spiel über die Flügel in den Griff zu bekommen. Doch Barrow stand hoch, presste spät, aber effektiv, und machte das Zentrum dicht. Die Ballbesitzstatistik spricht Bände: 51 Prozent für Barrow, 49 für Hull - also fast ausgeglichen. Nur: Barrow wusste, was es mit dem Ball anfangen wollte. Die Szene des Abends spielte sich allerdings abseits des Tores ab. In der 77. Minute, als Hull alles nach vorn warf, pflückte Keeper George Beecroft eine gefährliche Flanke aus der Luft, krachte aber dabei mit dem eigenen Innenverteidiger Oscar Stack zusammen. Kurz blieb das Stadion still. Dann rappelte sich Beecroft auf, winkte ab - "Ich hab schon schlimmere Bälle gefangen", knurrte er später - und hielt kurz darauf einen Distanzschuss von Lewis Payne spektakulär. Als Königs in der 90. Minute den jungen Finlay Densham brachte, wohl aus Symbolik, brandete Applaus auf. "George wollte nicht raus, aber ich wollte ihm Standing Ovations gönnen", erklärte der Trainer. Densham durfte immerhin noch einen langen Ball pflücken - sein Pflichtspieldebüt in der Nachspielzeit. Hull versuchte es bis zuletzt mit langen Bällen, doch die Barrow-Abwehr, inzwischen mit dem eingewechselten Taylor Musgrave für Thomas Fournier, ließ nichts mehr zu. "Wir haben uns am Ende einfach in alles reingeworfen", meinte Haddington, der Vorlagengeber. "Ich glaub, ich hab jetzt Rasen zwischen den Zähnen." Statistisch sah das Ganze so aus: 15:3 Torschüsse, 56 Prozent gewonnene Zweikämpfe für Barrow - und ein Gegner, der sich im Zweikampf mehr auf robuste Gesten als auf Präzision verließ. Oergel sah das ähnlich: "Wir waren stark aggressiv, aber das allein gewinnt kein Spiel." In der Mixed Zone nach Abpfiff scherzte Hannigan, dass er sich das Tor auf Video dreimal ansehen werde. "Meine Mutter glaubt mir sonst wieder nicht." Und als er gefragt wurde, ob das das wichtigste Tor seiner Karriere sei, grinste er: "Bis zum nächsten Pokalspiel, ja." Barrow AFC zieht damit in die dritte Pokalrunde ein - ein Erfolg, den in dieser Form kaum jemand erwartet hatte. Die Fans sangen noch lange nach Schlusspfiff, während Trainer Königs in der Kabine angeblich leise "Ein Hoch auf uns" summte. So endete ein Abend, der zeigte, dass Leidenschaft, ein bisschen Mut und ein präziser Schuss manchmal mehr zählen als millionenschwere Kader oder Taktiktafeln. Und irgendwo in der Barrow-Kabine hängt vielleicht schon ein neues Schild: "Wenn Freddie trifft, gewinnen wir." Ein sarkastischer Fan auf der Tribüne brachte es übrigens auf den Punkt: "Hull spielt wie Katzen - schön weich gelandet, aber ohne Biss." 26.05.643987 10:40 |
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Der Deutsche hat nie Angst.
Berti Vogts