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Es war einer dieser Abende in Barrow, an denen selbst der Wind vom Stadiondach zu johlen schien. 49.827 Zuschauer sahen am 16. Spieltag der 1. Liga England eine Heimmannschaft, die alles tat, um die Gäste aus Oxford City daran zu erinnern, dass Fußball kein Planspiel ist, sondern ein Sport, bei dem man Tore schießt. Vier Stück waren es am Ende - alle für Barrow AFC, die Oxford mit 4:0 vom Platz fegten. Schon nach zwei Minuten donnerte Alfie Ross den ersten Ball auf das Tor. Oxford-Keeper Harrison Le Tallec (der mit der Körpersprache eines Mannes, der ahnt, was kommt) konnte nur zusehen, wie seine Vorderleute von Barrows Angriffswellen überrollt wurden. "Wir wollten eigentlich defensiv stabil stehen", murmelte Oxford-Coach David Klockzien nach dem Spiel, "aber irgendwann kam’s mir vor, als hätten wir nur noch Hütchen aufgestellt." In der 17. Minute begann der Abend, wie er weitergehen sollte: Der 22-jährige Benjamin McGowan, jung, flink und offenbar mit einem Raketenantrieb in den Stutzen, traf nach Vorarbeit von Harrison Hartshorn zum 1:0. Das Stadion tobte, und Trainer Ingo Königs grinste breit. "Der Junge hat heute einfach gemacht, was er wollte. Ich hab ihm nur gesagt: Lauf - und hör nicht auf, bis du was hörst, das nach Torjubel klingt." Oxford versuchte, irgendwie mitzuhalten. Ein einsamer Schuss von Joel Morriss in der 31. Minute zählte immerhin als Torschussstatistik - der einzige ihrer Mannschaft. Währenddessen hatte Barrow zu diesem Zeitpunkt bereits zehn Schüsse auf das Tor abgegeben. Nur zwei Minuten später schlug wieder die Stunde der Alten: Alfie Ross, 36 Jahre jung und offenbar noch immer mit dem Schalk eines Straßenkickers, setzte den Ball nach Vorlage von Benjamin Prinsloo humorlos ins Netz - 2:0. Ross riss die Arme hoch, grinste in die Kurve und rief etwas, das nach "Ich bin noch nicht fertig!" klang. Zur Halbzeit hätte das Ergebnis höher stehen können, doch Barrow blieb gnädig. Taktisch blieb Königs bei seiner offensiven Marschroute - Pressing? Fehlanzeige. Man ließ Oxford kommen, was ungefähr so gefährlich war wie ein nasser Schwamm. Mit 51 Prozent Ballbesitz und 21 Torschüssen hatten die Hausherren das Spiel ohnehin unter Kontrolle, auch wenn der Trainer nachher süffisant meinte: "Wir wollten eigentlich den Ball mehr laufen lassen. Aber McGowan war zu schnell, um ihn wiederzubekommen." Nach der Pause dauerte es keine vier Minuten, bis McGowan wieder zuschlug. Diesmal nach Zuspiel von Ross. 3:0, das Stadion sang (und mancher Oxford-Fan summte leise das Lied vom Tapferen Schneiderlein). "Das war wie im Training", lachte McGowan später. "Nur dass heute keiner ’Abpfiff!’ geschrien hat." Danach begann Barrow zu rotieren: Georgescu kam in der 59. Minute, Lankford ging, Hartshorn kam. Selbst der Torwart durfte kurz vor Schluss wechseln - Beecroft raus, Densham rein. "Ich wollte, dass alle mal Grasgeruch in der Nase haben", erklärte Coach Königs mit einem Augenzwinkern. Oxford? Nun ja. Immerhin kassierten sie in der 88. Minute noch eine gelbe Karte - Rhys Connolly, offenbar genervt, dass auch die dritte Halbzeit schon verloren war. "Ich dachte, wenn ich ihn wenigstens mal berühre, zählt das als Zweikampfsieg", witzelte Connolly später. Und dann, als die Nachspielzeit angebrochen war, setzte McGowan seinem Galaabend die Krone auf. In der 93. Minute, nach Vorarbeit des jungen Alexandru Georgescu, schlenzte er den Ball zum 4:0 ins rechte Eck. Ein Hattrick, der so selbstverständlich wirkte, als hätte er ihn schon vor dem Spiel in die Statistik eingetragen. Als der Schlusspfiff ertönte, applaudierte das ganze Stadion - inklusive einiger Oxford-Spieler, die wohl froh waren, dass es endlich vorbei war. Die Zahlen sprachen Bände: 21 Torschüsse zu eins, 60 Prozent gewonnene Zweikämpfe, 51 Prozent Ballbesitz - das war Dominanz, wie sie im Lehrbuch steht. "Wenn wir so weitermachen, müssen die Jungs bald Eintritt bezahlen, nur um selbst zu spielen", grinste Trainer Königs. Oxford-Coach Klockzien hingegen seufzte: "Wir haben alles probiert - leider war alles falsch." Am Ende blieb nur die Erkenntnis: Fußball kann grausam sein, aber manchmal ist er einfach schön anzusehen - zumindest, wenn man Barrow-Fan ist. Und als das Flutlicht ausging, sagte ein älterer Zuschauer seufzend zu seinem Enkel: "Junge, merk dir den Namen McGowan. So spielt einer, der seine Schuhe nicht nur zum Laufen trägt." Ein Satz, der den Abend wohl besser zusammenfasst als jede Statistik. 11.07.643987 21:42 |
Sprücheklopfer
Bevor wir für einen Torwart 15 bis 20 Millionen Mark bezahlen, stelle ich mich selbst ins Tor.
Rainer Calmund