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Es war ein Abend, wie ihn selbst die erfahrensten Windsor-Fans so schnell nicht vergessen werden. 27.000 Zuschauer im prall gefüllten AstroDome sahen am 9. Spieltag der 1. Liga Kanada ein Fußballspiel, das alles bot - außer Langeweile. Am Ende besiegten die Windsor Astros die favorisierten Quebec Blues mit 3:2 (1:2), obwohl die Gäste über weite Strecken das Geschehen bestimmten. Schon vor dem Anpfiff um Punkt 20:00 Uhr hatte man das Gefühl, dass Trainer Nicole Kei ihre Jungs auf Angriff programmiert hatte. "Wir wollten zeigen, dass Ballbesitz nicht alles ist", sagte sie später mit einem schiefen Lächeln. Und tatsächlich: Quebec hatte 63 Prozent Ballbesitz, 18 Torschüsse - aber Windsor machte die Tore. Die Partie begann furios. Bereits in der 5. Minute prüfte Quebecs Evan Reid den heimischen Keeper Ewan Blanchard - der erste von vielen Momenten, in denen Blanchard zum Helden werden sollte. Die Blues kombinierten sich elegant durch die Reihen, Windsor verteidigte mit Herz, aber manchmal auch mit Nervosität. In der 25. Minute war es dann soweit: Rechtsverteidiger Nuno Antunes donnerte den Ball nach feiner Vorarbeit von Dieter Betz humorlos ins Netz. 0:1 - verdient. Nur zwölf Minuten später erhöhte Reid selbst auf 0:2, nach einem butterweichen Zuspiel von Guillaume Williamson. Der Gästeblock tobte, Trainer Gerd Froebe ballte die Faust - "Wir hätten da eigentlich schon alles klar machen müssen", knurrte er später. Doch Windsor wäre nicht Windsor, wenn sie nicht ein Herz für Dramen hätten. Kurz vor der Pause, 45. Minute, eine Szene wie aus dem Lehrbuch des Konterspiels: Patryk Kobylanski zieht zwei Verteidiger auf sich, legt quer auf Aitor Eximeno - und der trifft aus spitzem Winkel. 1:2! Der Anschlusstreffer, psychologisch wertvoller als jede Halbzeitansprache. In der Kabine muss Nicole Kei die richtigen Worte gefunden haben. "Ich hab ihnen gesagt: Wenn ihr schon weniger lauft, dann lauft wenigstens klüger", lachte sie nach dem Spiel. Und siehe da: In der 56. Minute schlug Ingo Domingos zu. Eingeleitet wurde der Angriff von Slaven Modric, der kurz darauf Gelb sah, aber bis dahin eine starke Partie lieferte. 2:2 - plötzlich war das Stadion ein Hexenkessel. Quebec reagierte wütend, drängte, schoss, verzweifelte. Evan Reid feuerte aus allen Lagen, Karl Berger probierte es aus der Distanz, und selbst Innenverteidiger Maurice Hoskins wagte sich in den Strafraum. Doch die Kugel wollte einfach nicht mehr rein. Dann die 74. Minute, die alles entschied: Wieder Eximeno, wieder Eiskälte. Nach einem präzisen Pass von Mason Mayhew behielt der 24-jährige Spanier die Nerven und netzte ein - 3:2! Die Tribünen bebten, und Froebe trat wütend gegen eine Trinkflasche. "Das war kein Hexenwerk, das war einfach schlampig verteidigt", grantelte er später. Die Schlussphase war ein Mix aus Zittern und Zähnefletschen. Windsor verteidigte mit allem, was Beine hatte. Trainer Kei wechselte klug: Ranko Duljaj kam für den müden Alain Prinz, später durfte sogar der 18-jährige Franck Ribéry (nein, kein Verwandter - aber ein Namenswitz wert) sein Debüt feiern. Modric humpelte in der 83. Minute vom Platz, aber die Mannschaft kämpfte weiter. Als Schiedsrichterin Clara Dumont nach 94 Minuten abpfiff, lagen sich Spieler, Trainer und Fans in den Armen. "Ich hab selten so wenig Ballbesitz und so viel Spaß gehabt", grinste Aitor Eximeno, der mit zwei Treffern zum Mann des Abends wurde. Statistisch gesehen war Quebec das bessere Team - mehr Schüsse, mehr Pässe, mehr Kontrolle. Aber Fußball, das zeigte sich wieder einmal, liebt keine Statistiken. Er liebt Geschichten. Und Windsor schrieb an diesem Abend eine, die man noch erzählen wird, wenn der Rasen längst wieder gefroren ist. Trainer Froebe verließ das Stadion mit gesenktem Kopf. "Wir haben das Spiel verloren, aber nicht unsere Philosophie", murmelte er. Nicole Kei konterte charmant: "Philosophie ist schön - aber drei Punkte sind besser." Und so endete ein frostiger Februarabend mit einem heißen Fußballmärchen. Die Sterne über Windsor funkelten, als wollten sie sagen: Auch kleine Astros können groß strahlen. 30.08.643990 14:50 |
Sprücheklopfer
Fußball spielt sich zwischen den Ohren ab. Da war teilweise Brachland, das neu bepflanzt werden musste.
Rainer Bonhof