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Ein halber Winterabend, ein volles Stadion, 24.003 Zuschauer und ein Pokalhalbfinale, das in Erinnerung bleiben dürfte - nicht wegen eines Feuerwerks an Toren, sondern wegen der frechen Jugend von Ashford Town und der stoischen Routine von Midlands Villa. Am Ende stand es 1:1, ein Ergebnis, das beiden Trainern zu passen schien - wenn auch aus völlig unterschiedlichen Gründen. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft wir fast getroffen hätten", murmelte Midlands-Coach Ron Li nach der Partie mit einem Lächeln, das zwischen Ironie und leichter Verzweiflung schwankte. "Aber fast ist im Fußball eben nichts wert." Seine Mannschaft, angetreten mit einem Durchschnittsalter, das locker als Vatergeneration der Ashford-Bubis durchging, hatte das Spiel lange im Griff, ohne es zu entscheiden. Dabei begann alles standesgemäß: In der 23. Minute zog Alexander Hennessy von Midlands Villa aus dem Rückraum ab, nachdem Owen Hartshorn mustergültig aufgelegt hatte. Der Ball zappelte im Netz, Ashfords Torhüter Damian Martinez - 17 Jahre jung und mit der Nervosität eines Teenagers beim ersten Date - war chancenlos. "Ich hab den gar nicht kommen sehen", gab Martinez später zu. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen - war er aber nicht." Doch kaum hatte sich das Publikum mit dem 0:1 abgefunden, da antwortete Ashford im Teenager-Tempo: Eine Minute später setzte der 17-jährige Benjamin Bridges zum Schuss an, nachdem Linksverteidiger Sean Lancaster sich beherzt über die Seite durchgetankt hatte. 1:1 in der 24. Minute - und das Stadion tobte. Bridges grinste hinterher: "Ich wollte eigentlich flanken, ehrlich. Aber wenn der Ball dann reingeht, sag ich natürlich, es war Absicht." Was folgte, war das, was man in England gern "end-to-end stuff" nennt - Chancen hüben wie drüben, aber kaum Zählbares. Midlands Villa verzeichnete 13 Schüsse aufs Tor, Ashford 10. Der Ballbesitz lag leicht bei den Hausherren (52 zu 48 Prozent), die trotz ihres jugendlichen Elans erstaunlich reif kombinierten. Ihr Coach David Reichart, der mit verschränkten Armen an der Seitenlinie stand, wirkte wie ein Lehrer, der weiß, dass seine Schüler die Klassenarbeit zwar nicht gewinnen, aber mit Bravour bestehen werden. "Wir haben gezeigt, dass Mut nichts mit Alter zu tun hat", sagte Reichart nach dem Spiel. "Und dass man auch mit Akne Tore schießen kann." In der zweiten Hälfte blieb das Tempo hoch, aber das Glück wanderte in die Kabine. Noah Musgrave, Ashfords Flügelflitzer, kassierte in der 50. Minute Gelb, nachdem er bei einem Konter etwas zu wild in den Zweikampf ging. "Ich hab den Ball gespielt. Na ja, fast", grinste er später. Auf der anderen Seite bekam Midlands-Verteidiger Martin Svoboda schon früh Gelb, weil er offenbar vergessen hatte, dass Grätschen keine olympische Disziplin ist. Die letzten 20 Minuten gehörten dann dem Taktikbuch. Midlands brachte den 34-jährigen Günther Kaiser ins Spiel, der mit seiner Erfahrung Ruhe bringen sollte - stattdessen brachte er den Ball in der 83. Minute fast auf die Tribüne, was prompt Applaus von den Ashford-Fans gab. "Immerhin getroffen - nur das Ziel war falsch", rief einer aus dem Block F mit einem Lachen. Auch Markus Seidel durfte für Midlands ran, ersetzte Evan Ward im Mittelfeld und versuchte es in der 89. Minute mit einem Distanzschuss, der so harmlos war, dass Martinez ihn fast mit einem Selfie festhielt. Als Schiedsrichter Cole die Partie abpfiff, war beiden Teams klar: Das Ergebnis ist gerecht, die Geschichte aber gehört den Youngsters. "Wenn man mit 17 im Halbfinale gegen solche Brocken spielt und nicht untergeht, dann ist das wie ein Sieg", meinte Ashfords Abwehrchef Adam Whitman (ebenfalls 17) mit leuchtenden Augen. Ron Li dagegen fasste das Ganze nüchterner zusammen: "Wir haben die Erfahrung, sie haben die Beine. Am Ende steht’s unentschieden - das sagt alles." Und so endete ein Pokalabend, der zeigte, dass Fußball manchmal weniger von Taktik als von jugendlichem Wagemut lebt. Ashford Towns Talente schrieben ihre eigene kleine Heldengeschichte, Midlands Villa musste anerkennen, dass Routine auch mal alt aussehen kann. Vielleicht wird man in Ashford eines Tages sagen: "Das war der Tag, an dem die Jungs zu Männern wurden." - Nur dass sie da gerade mal die Schulbank gedrückt haben. 21.03.643990 09:57 |
Sprücheklopfer
Wir werden uns zu einer Krisensitzung zusammensetzen, weil wir nur 4:2 gegen den VfB gewonnen haben.
Oliver Kahn