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Ein nasskalter Januarabend, 1437 Zuschauer, Flutlicht, Dampf aus den Atemwolken - kurz: perfekte Bedingungen für ein kleines Fußballdrama. Und genau das bekamen die Fans in Aschaffenburg beim 3:2‑Sieg ihres Teams gegen den favorisierten SC Freiburg im Liga‑Pokal der Regionalliga A serviert. Schon nach acht Minuten schien alles seinen gewohnten Gang zu nehmen: Freiburg, gewohnt kombinationssicher und mit leichtem Oberwasser, ging durch Andreas Gruber in Führung. Der 22‑jährige Flügelflitzer traf nach einem feinen Steckpass von Benjamin Schneider trocken ins lange Eck - und grinste anschließend in Richtung Heimkurve, als hätte er gerade das WM‑Finale entschieden. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", seufzte Aschaffenburg‑Keeper Volker Barth später, "aber der hat sich noch reingeschlichen wie ein ungebetener Gast auf einer Geburtstagsparty." Danach aber wachten die Hausherren auf. Trainer Tesco Toni, ein Mann, der an der Seitenlinie so lebhaft gestikuliert wie andere auf einem Jahrmarkt Zuckerwatte drehen, brüllte seine Elf nach vorne. Und seine Jungs gehorchten. Dieter Schmitz, mit 22 Jahren schon der emotionale Lautsprecher des Teams, prüfte den Freiburger Torhüter Leon Kessler mehrfach, ehe er in der 38. Minute endlich traf. Nach einer butterweichen Flanke von Rechtsverteidiger Martin Grindheim zog Schmitz volley ab - 1:1, die Tribüne bebte. Freiburg war noch gar nicht fertig mit dem Kopfschütteln, da schlug Aschaffenburg erneut zu. Nur eine Minute später war Ferenc Borbas zur Stelle, nachdem der 17‑jährige Harold Sutphen mustergültig vorbereitet hatte. 2:1, und plötzlich roch es in der Luft nach Sensation - oder zumindest nach heißem Glühwein und Hoffnung. Die Gäste kamen mit Wut aus der Kabine. Trainerin Stefanie Becker hatte offenbar die Pausenansprache ihres Lebens gehalten, denn ihre Mannschaft drückte mächtig aufs Gas. In der 51. Minute war es Leon Block, der nach Vorarbeit von Gruber mit einem platzierten Schuss ins rechte Eck für den Ausgleich sorgte. "Der war drin, bevor ich blinzeln konnte", murmelte Heimtorwart Barth, immer noch kopfschüttelnd. Doch Aschaffenburg ließ sich nicht entmutigen. Die Ballbesitzstatistik sprach zwar leicht für Freiburg (52 Prozent zu 48), aber die Gastgeber waren bissiger, griffiger, einfach galliger. 14 Torschüsse standen am Ende auf ihrem Konto - und der letzte entscheidende kam vom 19‑jährigen Samuel Gayheart. In der 69. Minute nutzte er eine Unaufmerksamkeit in der Freiburger Abwehr, sprintete in den Strafraum und drosch das Leder aus spitzem Winkel unter die Latte. Ein Tor wie ein Donnerhall. Die letzten 20 Minuten wurden dann zu einem Wechselbad der Gefühle. Freiburg drückte, Aschaffenburg konterte, und auf den Rängen schwankte das Publikum zwischen Herzinfarkt und Ekstase. "Ich hab irgendwann aufgehört, zu zählen, wie oft wir den Ball einfach nur noch rausgebolzt haben", lachte Dieter Schmitz später. "Taktisch war das vielleicht nicht schön, aber effektiv." Tesco Toni sah das naturgemäß anders. "Das war kein Gebolze, das war kontrolliertes Leiden", erklärte er mit hochgezogener Augenbraue auf der Pressekonferenz. "Manchmal muss man eben leiden, um zu siegen." Seine Spieler nickten, manche wohl eher aus Erschöpfung als aus Überzeugung. Freiburgs Trainerin Becker blieb gefasst. "Wir waren die bessere Mannschaft - bis auf die Tore", sagte sie mit einem Lächeln, das so dünn war wie das Eis auf dem Parkplatz vor dem Stadion. Tatsächlich hatten ihre Spieler acht Torschüsse und mehr Ballbesitz, doch Aschaffenburg zeigte die größere Effizienz - und den größeren Willen. Als der Schlusspfiff ertönte, lagen sich die Aschaffenburger in den Armen, während Toni mit einem breiten Grinsen in Richtung Tribüne winkte. "Ich sag’s mal so", meinte der Trainer noch, "wer so spielt, braucht kein Fitnessstudio - das war 90 Minuten Hochleistungstraining für Körper und Nerven." In der Kabine tönte später laut Musik (vermutlich nicht jugendfrei), und auf dem Parkplatz diskutierten noch lange die Fans, ob das nun Glück, Kampf oder einfach Schicksal war. Vielleicht war es von allem ein bisschen. Am Ende bleibt ein Spiel, das in keiner Statistikzeile vollständig erfasst werden kann: Leidenschaft, Chaos, drei Tore für die Heimelf, zwei für die Gäste - und jede Menge Gesprächsstoff für die Kaffeepause am nächsten Tag. Oder, wie ein älterer Fan beim Hinausgehen murmelte: "So Spiele braucht man im Januar - sonst friert nicht nur der Körper ein, sondern auch die Seele." 09.04.643987 23:20 |
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Da wir nicht voll auf Niederlage spielen, spielen wir voll auf Sieg.
Berti Vogts