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Es gibt Fußballabende, an denen alles so schnell geht, dass selbst der Stadionsprecher kaum hinterherkommt. Der 4. Spieltag der 3. Liga bot genau so einen Moment: Kaum hatte der Schiedsrichter die Partie zwischen dem TSV Reichenbach und Bad Dürrenberg angepfiffen, da zappelte der Ball schon im Netz. Sergio Arino, 21 Jahre jung und offenbar mit Espresso im Blut, traf nach exakt zwei Minuten - Vorlage von Juanito Esclapez, der später noch zweimal den Rasen küsste, weil er es selbst kaum glauben konnte. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Arino nach Spielschluss. "Aber dann dachte ich: Ach komm, schauen wir mal." Der Ball kam, sah und siegte - 1:0. Das Publikum im Reichenbacher Stadion (6.802 Zuschauer, leicht frierend, aber bestens gelaunt) sprang auf, als wäre es ein Pokalfinale. Danach passierte lange Zeit das, was Trainer Lutz Köhler später als "kontrolliertes Chaos mit Herz" bezeichnete. Reichenbach überließ den Gästen aus Bad Dürrenberg den Ball - 43 zu 56 Prozent Ballbesitz sprechen eine deutliche Sprache - und konzentrierte sich darauf, hinten dicht und vorne flink zu sein. Arino blieb der gefährlichste Mann auf dem Platz, prüfte Keeper Coelho gleich mehrfach (16., 19., 53.). Bad Dürrenberg hingegen sammelte Torschüsse wie andere Leute Panini-Sticker - 13 an der Zahl -, doch keiner wollte ins Netz. "Wenn man aus 25 Metern aufs Tor schießt, während der Kollege neben dir frei steht, dann ist das… mutig", murmelte Gästecoach Daniel Mahler mit einem Lächeln, das eher nach Zahnarztbesuch aussah. Besonders Juri Adamow und Urban Larsson versuchten es wieder und wieder: Schüsse in der 59., 64., 70., 77., 79. Minute - allesamt ohne Happy End. Und dann kam wieder Arino. In der 53. Minute, fast identisch zum ersten Treffer, bediente ihn erneut Esclapez mit einem Pass durch drei Abwehrbeine hindurch. Arino nahm an, schaute kurz auf und schob den Ball in aller Ruhe ins rechte Eck. 2:0. Die Fans sangen, die Ersatzbank jubelte, und Trainer Köhler warf kurz die Hände in die Luft, als wolle er sagen: "Na also, geht doch." Die Gäste reagierten mit einer Gelben Karte für Anton Andresen (68.) - symbolisch für die wachsende Frustration. "Wir hatten das Spiel eigentlich im Griff, außer eben in den Momenten, in denen wir Tore kassiert haben", erklärte Mahler später mit trockenem Humor. Reichenbach wechselte klug: Lomban kam für Carter, Karlsson ersetzte Krueger, Makukula durfte für Alves ran. Alle drei fügten sich nahtlos in das defensive Bollwerk ein, das den Vorsprung souverän über die Zeit brachte. Torhüter Samuel Keane, bis dahin eher Zuschauer mit Handschuhen, wurde in der Schlussphase doch noch gefordert - vor allem bei Larssons Schüssen in der 80. und 83. Minute. Keane parierte mit stoischer Ruhe, als hätte er gerade einen gemütlichen Sonntagsspaziergang unterbrochen. "Ich hab’ den Ball einfach kommen lassen", sagte der Keeper später schmunzelnd. "Und gehofft, dass er mich nicht trifft. Hat geklappt." Statistisch gesehen war es ein Spiel der verkehrten Welt: mehr Ballbesitz, mehr Schüsse - aber null Tore für Bad Dürrenberg. Reichenbach dagegen zeigte, wie Effektivität aussieht: zwölf Schüsse, zwei Treffer, beide von Arino, beide nach Zuspiel Esclapez. Besser kann man ein Drehbuch kaum schreiben. Nach Abpfiff sagte Köhler in seiner gewohnt schnörkellosen Art: "Wir haben heute nicht schön gespielt, aber schön gewonnen." Und während Mahler in der Pressekonferenz tapfer den Satz "Wir müssen unsere Chancen nutzen" zum 47. Mal in dieser Saison wiederholte, feierten die Reichenbacher Fans bereits ihren neuen Publikumsliebling. Sergio Arino, der lächelnde Wirbelwind aus Spanien, winkte ins Rund, nahm sich Zeit für Selfies und versprach: "Ich hab’ noch ein paar Tore im Schuh." Wenn das so weitergeht, wird die 3. Liga bald zur Arino-Arena. Und Bad Dürrenberg? Die fuhren mit gesenkten Köpfen, aber immerhin ohne Gegentor in der Nachspielzeit nach Hause. Vielleicht tröstete sie der Gedanke, dass 56 Prozent Ballbesitz auch eine Form des Sieges sind - zumindest für die Statistikfreunde. Reichenbach dagegen darf träumen. Vom Klassenerhalt, vielleicht sogar vom Aufstieg - und ganz sicher von diesem magischen Moment in der zweiten Minute, als die Welt für einen kurzen Augenblick nur aus Jubel, Flutlicht und einem jungen Mann namens Sergio Arino bestand. 22.02.643987 19:27 |
Sprücheklopfer
Ich bin körperlich und physisch topfit.
Thomas Häßler