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Wenn 71.550 Zuschauer gleichzeitig die Luft anhalten, dann weiß man: Es ist Pokalzeit. Und was Aragua FC und Real Caracas da im Achtelfinale ablieferten, war kein Fußballspiel - es war ein Drama in fünf Akten, mit allem, was dazugehört: frühe Tore, späte Erlösung, gelbe Karten, Blessuren, und am Ende ein Elfmeterschießen, das eher an russisches Roulette erinnerte. Aragua FC siegte schließlich mit 7:6 (2:1) nach Elfmeterschießen und zog in die nächste Runde ein - aber alt sah dabei keiner aus. Schon nach elf Minuten bebte das Stadion, als Felipe Gomez einen präzisen Pass von Samuel Barrymore aufnahm, den Ball mit der Sohle stoppte und eiskalt ins linke Eck schob. "Ich hatte das Gefühl, der Ball wollte einfach nur rein", grinste Gomez später, als hätte er ihn persönlich überredet. Nur fünf Minuten später legte der 23-jährige Egil Ali nach - nach einer butterweichen Flanke von Adriano Vico köpfte er zum 2:0. Trainerin Claire Werk klatschte an der Seitenlinie, als wäre sie gerade im Fitnessstudio - energisch, fokussiert, aber sichtlich erleichtert. Doch wer Real Caracas kennt, weiß: Die geben nie Ruhe. Gerhard Schumacher - der Name klingt nach deutschem Autorennen, aber der Mann sprintet, als wäre er auf der Überholspur - verkürzte in der 21. Minute nach Vorarbeit von Vicente Sandoval auf 2:1. "Wir haben das Spiel nie verloren geglaubt", sagte Real-Coach King Lui später, und man nahm ihm das ab. Sein Team rannte an, hatte mehr Ballbesitz (53 Prozent) und schoss insgesamt 14-mal aufs Tor. Aragua hielt dagegen - rustikal, mit vollem Einsatz. Das zeigte sich auch in der Statistik: drei Gelbe Karten, zwei davon für die Innenverteidiger Francisco Dominguez (47.) und Julian Puerta (97.), die den Strafraum eher wie eine Baustelle behandelten: Wer reinwollte, musste an der Absperrung vorbei. Nach der Pause drehte Caracas auf. Joker Joaquin Domingos, gerade erst eingewechselt, traf per flacher Direktabnahme in der 62. Minute zum 2:2. Von da an wurde es ein offener Schlagabtausch - 21 Torschüsse für Aragua, 14 für Caracas, aber keiner wollte mehr entscheiden. In der Verlängerung schien sich die Geschichte wiederzuholen. In der 104. Minute brachte erneut Felipe Gomez die Gastgeber in Führung, diesmal nach Vorarbeit des agilen Nelio de Vivar. "Ich hab den Ball eigentlich nur irgendwie in die Mitte bringen wollen", gab de Vivar später lachend zu. "Dass Felipe da steht, war Zufall - oder Schicksal." Doch Real Caracas hatte immer noch Benzin im Tank. In der 121. Minute, als die Fans schon die Finger an den Nägeln verloren hatten, schlug wieder Gerhard Schumacher zu. Nach einem scharfen Zuspiel von Verteidiger Vitorino Martins drückte er den Ball über die Linie - 3:3. Elfmeterschießen. Dann begann das Nervenspiel. Adriano Vico, sonst sicher wie ein Schweizer Uhrwerk, verschoss den ersten Versuch für Aragua. Auf der anderen Seite traf Joaquin Domingos, der schon in der regulären Zeit geglänzt hatte. Doch dann kippte das Glück: Schumacher, der Held der regulären Spielzeit, scheiterte, ebenso Adriano Godo. Aragua verwandelte durch Egil Ali, Felipe Gomez, Julian Puerta und den unerschütterlichen Adriano Diez - 7:6! Als der letzte Ball im Netz zappelte, riss Claire Werk die Arme hoch, während King Lui mit leicht ironischem Lächeln in die Nacht blickte. "Elfmeterschießen ist wie Würfeln - nur dass die Würfel manchmal beleidigt sind", sagte er trocken auf der Pressekonferenz. Araguas Taktik blieb von Anfang bis Ende offensiv, fast trotzig. Auch als Caracas das Spiel übernahm, blieb man beim Flügelspiel, griff an, lief, kämpfte. "Wir wollten kein Elfmeterschießen - aber wenn’s sein muss, dann eben mit Stil", meinte Gomez, der Mann des Abends, später mit einem breiten Lächeln. Und so endete ein Pokalabend, der in Erinnerung bleiben wird - nicht wegen technischer Finesse oder taktischer Raffinesse, sondern wegen purer Dramatik. 120 Minuten, drei Auswechslungen, drei Gelbe, eine Verletzung (Barrymore musste nach 110 Minuten runter, konnte aber später schon wieder lachen), und ein Publikum, das alles gab. Am Ende blieb nur die Erkenntnis: Pokalabende haben ihre eigenen Gesetze. Und Aragua FC hat sie diesmal alle zu seinen Gunsten ausgelegt - mit Herz, Mut und einem Schuss Wahnsinn. Oder, wie Trainerin Claire Werk es formulierte: "Wir wollten Geschichte schreiben. Dass sie so nervenaufreibend wird, stand nicht im Drehbuch." 19.09.643987 07:24 |
Sprücheklopfer
Wir wollten in Bremen kein Gegentor kassieren. Das hat auch bis zum Gegentor ganz gut geklappt.
Thomas Häßler