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Ein lauer Januarabend, 47.744 Zuschauer im Estadio Olímpico de Maracay - und ein Spiel, das zunächst so gar nicht lauwarm begann. Aragua FC und Colegio Merida trennten sich am 18. Spieltag der 1. Liga Venezuela mit 1:1, doch das Ergebnis erzählt nur die halbe Geschichte eines Abends, an dem Leidenschaft, Pech und ein bisschen Chaos eine wilde Liaison eingingen. Trainerin Claire Werk schickte ihre Aragua-Elf gewohnt offensiv ins Rennen - Flügelspiel, Pressing bei Rückstand, alles wie aus dem Lehrbuch. Doch das Buch schien in der ersten Halbzeit verkehrt herum gelesen worden zu sein: Viel Ballbesitz hatte Merida (55,6 Prozent), die Heimelf rannte hinterher. Zwar feuerte Aragua stolze 14 Torschüsse ab, aber in den ersten 45 Minuten blieb davon wenig Zählbares. "Wir wollten früh Druck machen, aber irgendwie standen wir plötzlich selbst unter Druck", grinste Werk nach dem Spiel mit jenem trockenen Humor, der wohl auch eine 0:3-Pleite charmant klingen ließe. Colegio Merida agierte dagegen clever, fast schon gemütlich, aber brandgefährlich, wenn es sein musste. In der 42. Minute kam die Belohnung: Der flinke Nelio Bergantinos, 24 Jahre jung und so wendig wie ein Kolibri nach drei Espressi, verwertete eine butterweiche Flanke von Routinier Detlev Fischer zum 0:1. Ein Treffer, der so schnörkellos war, dass man ihn fast übersehen hätte - hätte nicht das halbe Stadion kollektiv gestöhnt. "Ich hab’ den Ball gar nicht richtig getroffen", gab Bergantinos später zu, "aber manchmal muss man einfach so tun, als wär’s Absicht." Trainer Jupp Tenhagen, graumeliert und mit dem Charme eines alten Seefahrers, nickte stolz: "Das war kein Zufall. Wir haben das genau so trainiert - na ja, fast genau so." Aragua wirkte angeschlagen, haderte mit sich, mit dem Schiedsrichter, mit der Gravitation. Felipe Gomez prüfte den Keeper Domingos mehrfach (12., 18., 21., 44., 55., 82.), aber der Merida-Torwart hatte offenbar einen Magneten im Handschuh. Und als ob’s nicht genug wäre, verletzte sich Meridas Linksverteidiger Dimas Eusebio in der 13. Minute - Trainer Tenhagen brachte Christiano Perales. "Ich dachte, Christiano spielt eigentlich lieber Gitarre", witzelte ein Fan hinter der Pressetribüne, als der eher offensiv veranlagte Linksfuß den Defensivposten übernahm. Nach der Pause drehte Aragua richtig auf. Florian Sonntag, der schon in der dritten Minute eine Duftmarke gesetzt hatte, wurde zunehmend zum Unruhestifter. In der 68. Minute flog sein Schuss knapp vorbei, in der 77. war’s dann soweit: Christophe Belanger, der kreative Kopf im Mittelfeld, schickte Sonntag mit einem feinen Pass in die Gasse - und der blieb diesmal eiskalt. 1:1. Stadionexplosion. Pure Erleichterung. "Ich hab einfach die Augen zugemacht und gehofft, dass er reingeht", lachte Sonntag später. "Und siehe da: hat funktioniert. Vielleicht mach’ ich das jetzt immer so." Trainerin Werk kommentierte trocken: "Wenn er das im Training probiert, kriegt er Ärger." Danach wurde’s ruppiger. Egil Ali sah in der 81. Minute Gelb, Belanger humpelte kurz vor Schluss verletzt vom Feld. Und während Aragua noch einmal alles nach vorn warf - sogar der Torwart Johann Cartier schien kurz zu überlegen, ob er mitstürmen sollte -, blieb Merida cool. In der Nachspielzeit hatte Charles Lancaster noch die Chance auf den Lucky Punch, doch Cartiers Reflexe retteten den Punkt. Statistisch gesehen war’s ein kleiner Sieg für Aragua: mehr Schüsse, bessere Zweikampfquote (52,1 Prozent), mehr Herzblut. Aber eben auch: weniger Ballbesitz, weniger Effizienz. "Ein 1:1 der gerechten Sorte", meinte Tenhagen. "Wir hätten mehr machen können, aber auch mehr kassieren können. Ich bin zufrieden - und das bin ich selten." Araguas Fans verabschiedeten ihr Team mit Applaus und einem Hauch von Trotz. In der Kurve wurde gesungen, als hätte man gerade den Titel geholt. Vielleicht, weil man spürte: Diese Mannschaft lebt. Am Ende stand ein Remis, das keiner richtig wollte, aber beide verdient hatten. Ein Spiel, das zeigte, dass Fußball nicht immer gerecht, aber fast immer unterhaltsam ist - besonders, wenn ein Sonntag trifft. Claire Werk fasste es zusammen: "Ein Punkt ist besser als keiner. Und manchmal ist ein Unentschieden der Anfang einer guten Serie." Wenn das stimmt, dann war dieser Abend mehr als nur ein weiterer Spieltag - es war vielleicht der Moment, an dem Aragua wieder lernte, an sich zu glauben. Und das, liebe Leser, ist im Fußball fast so viel wert wie drei Punkte. 15.08.643987 11:32 |
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