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Ein warmer Februarabend in Puerto Ordaz, 37.999 Zuschauer im Estadio Cachamay, und die Sonne verabschiedete sich gerade so malerisch, dass man kurz vergaß, dass hier gleich 90 Minuten leidenschaftlicher Fußballarbeit anstanden. Am Ende stand ein 1:3 auf der Anzeigetafel - verdient, aber mit reichlich Wendungen, die selbst Telenovela-Drehbuchautoren inspiriert hätten. CD Guayana begann unter Trainer Ralf Minge, wie man es von einer Heimmannschaft mit 57 Prozent Ballbesitz erwarten darf: viel Ball, wenig Ertrag. Aragua FC, gecoacht von Claire Werk, lauerte dagegen auf genau das - Fehler, Räume, und Silvestre Alcantara. Der 21-Jährige war an diesem Abend so flink, dass die Statistiker Mühe hatten, seine Laufwege nachzuvollziehen. Doch der Reihe nach: Schon in der 13. Minute klingelte es erstmals. Der 19-jährige Mateo Alvaro, der aussieht, als hätte er gerade erst das Schulzeugnis abgeholt, traf nach Vorarbeit von Egil Ali zur frühen Führung für Aragua. Ein flacher Schuss ins rechte Eck - präzise, frech, eiskalt. "Ich hab einfach draufgehalten. Wenn du zögerst, bist du verloren", grinste Alvaro später in die Kameras, während er sich noch die Haare richtete. Guayana schien kurz geschockt, dann wütend. Ralf Minge gestikulierte wild an der Seitenlinie, und sein Team antwortete mit Offensivdrang. Pedro Pelayo brachte die Fans in der 41. Minute zum Jubeln, als er nach einem feinen Steckpass von Kian Carmody zum 1:1 traf. "Das war der Moment, in dem wir wieder glaubten: Das Ding gehört uns", sagte Pelayo später. Nun ja - geglaubt haben sie es, gewonnen haben sie es nicht. Denn nach der Pause zeigte sich, dass Aragua FC nicht nur kontern, sondern auch beißen kann. Die Mannschaft von Claire Werk stellte ihr Pressing um - von "BEHIND" auf "YES", wie es der Taktikzettel verriet - und schnürte Guayana zeitweise in deren eigener Hälfte ein. Minge, der ernüchterte Gastgeber, erinnerte sich später: "Ich dachte kurz, wir spielen Handball. Nur, dass der Ball nie an den Kreis kam." In der 74. Minute dann der Doppelschlag, der das Spiel kippte. Silvestre Alcantara, der schon die Abwehr mehrmals schwindlig gespielt hatte, vollendete nach einem Kopfball-Ablage von Michiel Panis zur 2:1-Führung. Acht Minuten später wieder Alcantara - diesmal nach einem butterweichen Pass von Adriano Diez. 3:1. Die 21-jährige Rakete sprintete jubelnd zur Eckfahne, formte ein Herz mit den Händen und grinste, als hätte er gerade einen Freistoß aus dem Comicfilm verwandelt. "Ich hab einfach Spaß gehabt", sagte er später, "und wenn du Spaß hast, trifft der Ball dich meist richtig." Guayana mühte sich, schoss aus allen Lagen - 11 Torschüsse, aber kaum Gefahr. Der eingewechselte Franck Astruc versuchte es aus der Distanz, Theo Almond flankte fleißig, doch Araguas Keeper Silvestre Herrero war an diesem Abend ein Fels. "Ich hatte das Gefühl, selbst mit verbundenen Augen hätte er die Bälle gehalten", murmelte Guayanas Verteidiger Jacques Blais, der sich in der 72. Minute noch eine Gelbe Karte abholte, "weil ich wenigstens mal was treffen wollte - notfalls den Gegner." Am Seitenrand blieb Claire Werk gewohnt gelassen. Ihre Körpersprache: eine Mischung aus Mathematiklehrerin und Schachgroßmeisterin. "Wir wussten, dass Guayana Räume lässt", erklärte sie nach dem Spiel, "wir haben einfach geduldig gewartet, bis sie uns eingeladen haben." Ralf Minge hingegen stapfte mit hochrotem Kopf in die Kabine, nachdem er den Händedruck mit Werk noch pflichtbewusst absolviert hatte. "Wir waren besser, aber nicht klüger", knurrte er. "Das ist wie beim Schach: Wenn du nur Züge machst, um schön auszusehen, verlierst du halt trotzdem." Statistisch hatte Guayana tatsächlich mehr Ballbesitz (57,7 %) und mehr Pässe, aber Aragua war effizienter, bissiger und taktisch klarer. 14 Torschüsse, drei Treffer - das nennt man Lehrbuch-Effektivität. Als die Flutlichter erloschen, sangen die Aragua-Fans in der Kurve, während ihre Spieler sich lachend in den Armen lagen. Guayana dagegen stand mit gesenkten Köpfen da - ratlos, müde, und wohl auch ein bisschen beeindruckt. Vielleicht fasste Pedro Pelayo das Drama am besten zusammen: "Wir hatten das Gefühl, das Spiel im Griff zu haben - bis wir merkten, dass der Gegner das auch dachte." Und so reiste Aragua FC mit drei Punkten im Gepäck und einem glänzenden Alcantara in den Herzen zurück - während Guayana wieder einmal bewies, dass Ballbesitz zwar schön aussieht, aber Tore eben schöner zählen. 16.08.643990 16:17 |
Sprücheklopfer
Mit David Odonkor will ich mich dennoch nicht messen. Fußball ist nicht nur rennen, da ist auch der Ball dabei. Und es ist wichtig, dass man den trifft.
Michael Ballack