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Es war ein lauer Abend in Minerden, genau die Art von Luft, in der der Ball leicht und trügerisch tanzt. 35.568 Zuschauer drängten sich ins Estadio Bolivar, um das zu sehen, was am Ende ein 2:4 aus Sicht der Gastgeber werden sollte - ein Ergebnis, das nüchtern betrachtet verdient, emotional aber eine kleine Tragödie war. Schon nach drei Minuten war die Stimmung gedämpft. Florian Sonntag, der Name passt für den frühen Abend, traf für Aragua FC nach einer Vorlage des jungen Mateo Alvaro. Sonntag lief jubelnd zur Eckfahne, während Bolivars Abwehrspieler sich gegenseitig fragten, ob sie überhaupt schon wach seien. "Das war kein Weckruf, das war ein Weckschuss", murmelte später Trainer Dominik Dietze mit einem halbherzigen Lächeln. Doch Bolivar erholte sich. In der 13. Minute fasste sich Emmanouil Papadopoulos ein Herz, zog ab - und plötzlich stand es 1:1. Die Tribünen erwachten zu neuem Leben. "Ich habe einfach mal draufgehalten", sagte Papadopoulos danach. "Manchmal muss man gar nicht denken - das hilft." Der Rest der ersten Halbzeit war ein zähes Tauziehen: Aragua mit leichtem Ballbesitzvorteil (51 Prozent), Bolivar bemüht, aber ohne die letzte Präzision. Zehn Torschüsse der Hausherren, fünfzehn der Gäste - das Zahlenverhältnis sprach schon zur Pause eine deutliche Sprache. Nach dem Seitenwechsel drehte Aragua auf. Trainerin Claire Werk hatte offenbar die richtigen Worte gefunden. "Ich habe ihnen gesagt, sie sollen nicht mehr denken, dass sie gut spielen - sie sollen es einfach sein", erklärte sie später trocken. Das zeigte Wirkung: Ivan Carracedo traf in der 59. Minute nach feinem Zuspiel von Adriano Diez. Und kaum hatte Bolivar sich gesammelt, netzte Pau Vidigal in der 63. wieder ein. 2:2, das Stadion stand Kopf. Doch die Euphorie währte genau zwei Minuten. Egil Ali, 23 Jahre jung und mit einem Selbstvertrauen, das größer war als die gesamte Bolivar-Defensive, stellte in der 65. Minute den alten Abstand wieder her - und legte in der 90. sogar noch einen zweiten Treffer nach, eiskalt nach Vorarbeit von Carracedo. 2:4, der Deckel war drauf. Zwischenzeitlich hatte Vidigal noch Pech: Kurz nach seinem Treffer musste er verletzt raus, Urban Hanson kam (66.), konnte aber keine Impulse mehr setzen. Auch die Gelbe Karte für Verteidiger Roland Tölcseres in der 43. wirkte wie ein Vorbote des Unglücks - zu ungestüm, zu unkoordiniert war vieles bei den Gastgebern. Während Bolivar offensiv bleiben wollte - die Taktik blieb bis zum Schluss auf Angriff gestellt -, war Aragua taktisch klug: offensiv, aber mit diszipliniertem Flügelspiel, frühem Pressing und einer fast schon eleganten Aggressivität. Man sah: Claire Werk hatte ihre Truppe perfekt eingestellt. "Wir wollten über die Flügel kommen, das war der Plan", sagte sie nach dem Spiel. "Wenn du Sonntag, Gomez und Ali vorne hast, musst du nur noch den Wind richtig lesen." Auf der anderen Seite wirkte Dietze nachdenklich. "Wir haben gepresst, wir haben gekämpft, aber manchmal spielt der Gegner einfach den besseren Fußball", seufzte der Coach. Und dann, fast philosophisch: "Vielleicht war es einfach nicht unser Dienstag." Das Publikum honorierte dennoch den Einsatz. Applaus für Papadopoulos, der rannte, als ginge es um sein Leben, und für Torwart Ingo Oliveira, der trotz vier Gegentoren mehrfach Schlimmeres verhinderte. Aragua FC dagegen feierte ausgelassen. Egil Ali, der Doppeltorschütze, grinste breit: "Ich wollte eigentlich nur eins machen. Aber wenn der Ball dich mag, mag er dich eben doppelt." Statistisch war alles knapp - Ballbesitz, Zweikämpfe, Passquote - doch der Unterschied lag in der Konsequenz. Aragua schoss, wenn es Sinn ergab. Bolivar schoss, wenn es hübsch aussah. Das Fazit? Ein Spiel, das lehrte, dass Offensive schön, aber Struktur schöner ist. Aragua FC fliegt weiter auf den Flügeln des Erfolgs, während Minerden Bolivar sich fragt, ob Mut ohne Ordnung wirklich Mut ist oder nur Naivität mit Stadionbeleuchtung. Am Ende blieb Trainer Dietze noch auf dem Rasen stehen, schaute in die leeren Ränge und sagte leise zu seinem Co-Trainer: "Wenn wir schon verlieren, dann wenigstens mit Stil." Und der Co-Trainer nickte. Denn Stil - das hatte dieses Spiel tatsächlich. Nur eben nicht auf ihrer Seite. 07.09.643987 14:57 |
Sprücheklopfer
Kopfball war für mich immer so etwas ähnliches wie Handspiel.
Günter Netzer