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Es war einer dieser Abende, an denen man sich fragt, ob Fußball nicht doch ein bisschen Theater ist. 31.010 Zuschauer im Lotto Park erlebten am 34. Spieltag der 1. Liga Belgien eine Achterbahnfahrt, die von "Oh nein!" bis "Ja, doch!" in 90 Minuten alles bot. Am Ende gewann PRS Anderlecht mit 2:1 gegen den tapferen Außenseiter RRC Hamoir - und das trotz einer ersten Halbzeit, die man höflich als "verkorkst" bezeichnen darf. Schon in der 5. Minute herrschte betretenes Schweigen auf den Rängen. Hamoirs Mittelfeldstratege David Ajalon zirkelte den Ball nach Vorarbeit von Predrag Dragutinovic aus gut 20 Metern ins Eck - so trocken, dass selbst der Platzwart kurz das Rasensprengen vergaß. "Ich dachte, wir hätten noch gar nicht richtig angefangen", knurrte Anderlecht-Coach David Neumann später. "Aber Hamoir hatte offenbar schon warmgelaufen." Anderlecht antwortete mit wütenden Angriffen, aber eher nach dem Prinzip "viel hilft viel". 18 Torschüsse standen am Ende zu Buche - die meisten davon landeten aber irgendwo zwischen Tribüne und Torhüter Axel Smet, der sich mit jeder Parade größer machte. Besonders Jari Forssell, der Rechtsaußen mit der Frisur eines Rockgitarristen, verzweifelte mehrfach am Keeper. "Ich hab irgendwann gedacht, der hat Magnete in den Handschuhen", grinste Forssell später, nachdem er in der 89. Minute noch Gelb sah - vermutlich aus Frust über die Gesetze der Physik. Trainer Neumann reagierte zur Pause doppelt: Daan Van Aken und Joseba Nene durften in der Kabine bleiben, Axel Schelfaut und der junge Thijmen Barculo kamen. Auf der Bank zischte der Trainer eine Cola Light und murmelte laut genug, dass man es hörte: "Wir müssen jetzt mal Fußball spielen." In der 58. Minute passierte endlich das, was sich seit einer halben Stunde angedeutet hatte: David Zaera, der flinke Rechtsaußen, nahm eine Vorlage von John Devaney direkt - und diesmal passte die Flugbahn perfekt. 1:1, der Lotto Park explodierte. Zaera riss die Arme hoch, Devaney grinste breit. "Ich hab ihn nur angeschaut, und er wusste, was ich will", sagte Devaney danach, "so wie bei einer guten Ehe - nur ohne Streit über den Abwasch." Doch Hamoir, das mit 56 Prozent Ballbesitz den Ball laufen ließ wie ein Uhrwerk aus Lüttich, gab sich nicht geschlagen. Zwischen Minute 70 und 80 schnupperten sie an der Sensation, als Özdenak, Coe und Bosse jeweils gefährlich abschlossen. Doch Torhüter Ward Van Strydonck - normalerweise ein ruhiger Typ - brüllte nach jeder Parade so laut, dass selbst die Tauben im Stadiondach kurz aufschreckten. Dann kam die 90. Minute. Noch einmal ein Angriff über rechts, Zaera sprintet, zieht nach innen und steckt durch auf Adam Rogocz. Der Mittelstürmer, bisher blass wie belgischer Winterhimmel, nimmt Maß - und trifft. 2:1! Stadion-Ekstase, Bierduschen, Fremde, die sich in die Arme fallen. Rogocz riss sich das Trikot halb vom Leib und brüllte Richtung Trainerbank: "Ich hab’s euch doch gesagt!" - was Neumann mit einem unschuldigen Schulterzucken quittierte. "Er sagt das jedes Mal, wenn er trifft", meinte der Coach später trocken. Die letzten Sekunden zogen sich wie ein Kaugummi. In der 87. Minute hatte sich Devaney noch verletzt, humpelte aber heldenhaft bis zum Schlusspfiff. "Ich wollte nicht raus, ich hab’s Knie überredet, noch drei Minuten zu halten", sagte er lachend. Statistisch gesehen war es ein Spiel gegen die Logik: Hamoir mit mehr Ballbesitz, Anderlecht mit fast fünfmal so vielen Torschüssen. Doch wer braucht Logik, wenn man Leidenschaft hat? Trainer Neumann fasste es nach Abpfiff zusammen: "Wir waren heute nicht schön, aber wir waren stur. Und manchmal reicht Sturheit." Hamoirs Coach - der sich nach dem Spiel nur kurz äußerte - soll im Kabinengang gemurmelt haben: "Wenn man 85 Minuten führt und trotzdem verliert, hat man wohl zu höflich verteidigt." Ein bisschen Wahrheit steckt wohl drin. Anderlecht kämpfte, fluchte, rannte - und drehte das Spiel in letzter Sekunde. Der Abend endete mit einem kollektiven Aufatmen und der Erkenntnis, dass Fußball in Anderlecht offenbar erst ab der 58. Minute beginnt. Oder, wie ein Fan beim Hinausgehen sagte: "Ich hab 90 Minuten gezittert, aber das war’s wert. Nächstes Mal bring ich trotzdem Baldrian mit." 05.05.643990 11:55 |
Sprücheklopfer
Fußball spielt sich zwischen den Ohren ab. Da war teilweise Brachland, das neu bepflanzt werden musste.
Rainer Bonhof