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Manchmal sind Fußballspiele wie Schachpartien auf nassem Rasen - und wenn ausgerechnet ein Trainer namens Capablanca die Figuren setzt, darf man staunen. FC Altach besiegte am 32. Spieltag der 1. Liga Österreich die Gäste aus Kottingbrunn mit 3:1 (2:1). Was nüchtern als Pflichtsieg klingt, war in Wahrheit eine Mischung aus Geduldsspiel, jugendlichem Übermut und altmodischer Effizienz. Vor 27.677 Zuschauern ging es flott los. Gerade sieben Minuten waren gespielt, da überraschte Kottingbrunn die schläfrige Altacher Hintermannschaft: Jonas Hennig, der rechte Flügelflitzer mit der Frisur eines Rockgitarristen, nutzte die erste Unachtsamkeit eiskalt. 0:1 - und man hörte im Stadion ein kollektives Einatmen, gefolgt von murmelndem Ärger. "Wir wollten kompakt bleiben, aber dann war’s halt nicht so kompakt", grinste Altach-Coach José Raúl Capablanca später mit der Gelassenheit eines Mannes, der schon oft eine Figur geopfert hat, um am Ende Schachmatt zu setzen. Die Antwort ließ auf sich warten, aber sie kam mit Wucht. In der 33. Minute nahm Charles Leech - gerade einmal 20 Jahre alt und offenbar mit einem eingebauten Kompass fürs Tor gesegnet - Maß und versenkte den Ball nach Vorarbeit von Massimiliano Saracena. 1:1, und plötzlich war Feuer drin. "Ich hab einfach draufgehalten. Vielleicht war’s Glück, vielleicht Physik. Keine Ahnung", lachte Leech nach dem Spiel, während er versuchte, seine Schuhe aus dem Altacher Morast zu befreien. Kurz vor der Pause wurde’s dann richtig laut. Georges Carriere, der zuvor eine Gelbe Karte kassiert hatte, tänzelte an der linken Linie entlang, legte clever ab auf Ari Peltonen - und der Finne drosch das Leder in der 45. Minute kompromisslos in die Maschen. 2:1! Die Altacher Bank jubelte, Capablanca klatschte nur kurz, als wolle er sagen: "So war’s geplant." Zur Halbzeit zeigte die Statistik ein kurioses Bild: Kottingbrunn hatte fast 60 Prozent Ballbesitz, Altach nur 40. Aber wer braucht Ballbesitz, wenn man Tore hat? Auch die 13:11 Torschüsse zugunsten der Heimelf erzählten eine Geschichte von präziser Effizienz. In der zweiten Hälfte kam frischer Wind: Der 19-jährige Ansgar Carlsen ersetzte den 17-jährigen Jarrod Bowen - Jugend forscht, Teil zwei. "Ich hab’ gesagt: Jungs, lauft einfach, ich denk mir was aus", verriet Capablanca später mit einem Augenzwinkern. Und es funktionierte. Zwar drängte Kottingbrunn, doch sie liefen sich fest. Trainer Michael Goldfinger - der Name klang an diesem Abend eher nach Pechsträhne - fuchtelte wild an der Seitenlinie, während seine Spieler zwar viel liefen, aber wenig trafen. Antonio Antunez versuchte es in der 55. Minute aus 20 Metern, Bogdan Ungureanu prüfte Torwart Halvor Andreasen gleich zweimal - doch der Altach-Keeper, ruhig wie ein Bergsee, ließ nichts anbrennen. "Die schießen gern aus allen Lagen", kommentierte Andreasen trocken, "aber ich steh halt gern im Weg." Als das Spiel in die Schlussphase ging, wurde klar: Wenn noch etwas passiert, dann auf der anderen Seite. In der 86. Minute war es dann soweit - und ausgerechnet der zuvor verwarnte Georges Carriere setzte den Schlusspunkt. Nach feinem Zuspiel des 18-jährigen David Bernard schob er den Ball flach ins linke Eck. 3:1, Deckel drauf, Feierlaune am Bodensee. "Ich wollte’s erst gar nicht versuchen", erzählte Carriere später lachend, "aber David hat so laut geschrien, dass ich dachte, ich muss jetzt einfach." Goldfinger hingegen wirkte nach dem Abpfiff wie ein Mann, der seine letzte Münze auf Rot gesetzt hat. "Wir hatten das Spiel eigentlich im Griff", seufzte er, "aber Fußball ist kein Planspiel. Und Capablanca… der spielt halt Schach." Während die Altacher Fans tanzten, ließen sich die Spieler feiern. Capablanca blieb wie immer stoisch, notierte etwas in sein kleines Notizbuch und verschwand Richtung Kabine. Auf Nachfrage, was er geschrieben habe, sagte er nur: "Ein Zug im Voraus." So endete ein Abend, der zeigte, dass Ballbesitz nicht alles ist - und dass manchmal ein 18-Jähriger den Unterschied macht. Kottingbrunn hatte mehr vom Spiel, Altach aber mehr vom Leben. Und irgendwo in der Ferne, zwischen Schachbrett und Strafraum, nickte Capablanca zufrieden: Schachmatt. 02.04.643990 03:10 |
Sprücheklopfer
Gegen uns hätten wir auch gewonnen.
Klaus Allofs