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Manchmal schreibt der Fußball Geschichten, die selbst die Drehbuchautoren von Netflix als "zu unglaubwürdig" ablehnen würden. Am 32. Spieltag der 3. Liga Italien (1. Div) besiegte Rodengo Saiano den favorisierten Gastgeber Albese mit 1:0 - und das ausgerechnet durch ein Tor eines Innenverteidigers. 11.607 Zuschauer rieben sich die Augen, als Federico Di Paolo in der 52. Minute nach einem Eckball zum entscheidenden Treffer einköpfte. Dabei hatte Albese alles im Griff - zumindest auf dem Papier. 56 Prozent Ballbesitz, 21 Torschüsse, gefühlt 90 Prozent Frust nach Abpfiff. Von Beginn an schnürte die Mannschaft der Gastgeber die Gäste in deren Hälfte ein. Schon in der 5. Minute zwang Rechtsverteidiger Alberto Piras den Rodengo-Keeper Luigi Nicola zu einer Glanzparade. "Ich dachte, er schießt mir den Bart vom Kinn", lachte Nicola nach dem Spiel, während er sich demonstrativ über denselben strich. Albese kombinierte gefällig, doch der letzte Pass blieb ein ungelöstes Rätsel. Riccardo Romano und Giorgio Montanari versuchten es aus allen Lagen - mal knapp vorbei, mal mitten in die Arme des Torwarts, mal auf die Parkplätze hinter dem Stadion. Trainer der Heimmannschaft (dessen Name das Protokoll verschluckt hat) schrie sich an der Seitenlinie die Stimme heiser, während sein Gegenüber Jan Beyer von Rodengo Saiano stoisch auf seiner Bank saß, als würde er meditieren. "Ich wusste, dass wir leiden würden", sagte Beyer später mit einem Grinsen. "Aber wenn du Federico Di Paolo im Strafraum hast, brauchst du keine Angst zu haben. Der steigt höher als mein Blutdruck in der Nachspielzeit." In der Tat war es Di Paolo, der in Minute 52 nach einem Eckball von Niccolò Gasser am höchsten stieg und den Ball wuchtig ins rechte obere Eck köpfte. Albese-Keeper Valerio Longo flog prachtvoll - leider in die falsche Richtung. 0:1, und plötzlich war das Stadion still wie nach einer Stromsperre. Albese rannte weiter an. Davide Bruno dirigierte das Mittelfeld mit der Ruhe eines Dirigenten, der weiß, dass sein Orchester nicht zuhört. Schuss um Schuss, Flanke um Flanke, Chance um Chance - und doch fiel kein Tor. "Ich glaube, wir hätten heute bis Mitternacht spielen können", stöhnte Bruno später, "und der Ball hätte trotzdem nicht reingewollt." Rodengo Saiano hingegen verteidigte mit allem, was Beine hatte. In der Schlussphase, inzwischen tief in den eigenen Strafraum gedrängt, schalteten die Gäste endgültig auf Defensive - laut Taktikdaten: "DEFENSIVE, COUNTER, LONG, PRESSING YES". Übersetzt heißt das: "Alle Mann hinten, und wenn du den Ball siehst, schlag ihn so weit du kannst." Einmal, in der 77. Minute, kam Albese dem Ausgleich ganz nah: Ein abgefälschter Schuss von Davide Magisano trudelte Richtung Torlinie, doch ausgerechnet Di Paolo klärte wieder - dieses Mal mit dem Knie, halb Zufall, halb Heldenmut. "Ich wollte eigentlich nur nicht getroffen werden", grinste der Matchwinner später, "aber wenn’s hilft…" Zwei Gelbe Karten für Albese (Hanson in der 4., Malito in der 20.) passten zum Bild: viel Einsatz, wenig Ertrag. Der Schiedsrichter hatte ansonsten wenig zu tun, abgesehen davon, den verzweifelten Blicken der Albese-Spieler standzuhalten. Als der Abpfiff kam, schien manch einer noch zu glauben, es gäbe eine dritte Halbzeit. Doch nein - das Spiel war vorbei, die Punkte weg, die Gesichter lang. Trainer Beyer klatschte seine Jungs ab, während sein Torhüter Nicola jubelnd die Fäuste ballte. Auf der anderen Seite saßen die Spieler von Albese minutenlang auf dem Rasen, als hofften sie, der Ball möge sich doch noch erbarmen und ins Tor rollen. "Wir haben alles versucht", seufzte Albese-Stürmer Romano. "Aber manchmal gewinnt eben der, der weniger falsch macht - und heute waren das leider nicht wir." So bleibt Albese trotz Überlegenheit punktlos, während Rodengo Saiano mit einer Mischung aus Glück, Betonabwehr und einem heldenhaften Innenverteidiger drei Zähler entführt. Fußball kann grausam sein - und manchmal genügt ein einziger Kopfball, um 11.607 Menschen für einen Moment sprachlos zu machen. Fazit des Abends? Wenn Albese das Tor so gut getroffen hätte wie die Latte, wäre es ein Schützenfest geworden. Stattdessen jubelte der Gegner - und Di Paolo darf sich wohl eine Woche lang "Mister 1:0" nennen. 02.04.643990 02:50 |
Sprücheklopfer
Im Fußball ist es wie im Eiskunstlauf - wer die meisten Tore schießt, der gewinnt.
Rainer Calmund