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Ein lauer Abend in Santo André, 30.658 Zuschauer, 20. Spieltag der brasilianischen Série A - und ein Spiel, das vermutlich noch eine Weile in den WhatsApp-Gruppen der Fans diskutiert wird. AD Santo André besiegte São Raimundo mit 4:3, nach einem Fußballabend, der alles hatte: Tore, Drama, eine rote Karte, und Trainer Alexander Pachmann, der nach Abpfiff nur trocken meinte: "Ich wollte eigentlich kein Herz-Kreislauf-Training anbieten, aber gut - dann eben so." Los ging es furios. Schon in der 11. Minute stieg Innenverteidiger Leandro Semedo (!) nach einer Ecke am höchsten und köpfte zum 1:0 ein. Der Jubel war noch nicht verklungen, da raunte Co-Trainer Santos auf der Bank: "Wenn der Verteidiger anfängt, Tore zu schießen, wird’s ein langer Abend." Und er sollte recht behalten. São Raimundo, von Steffen Birner gewohnt mutig eingestellt, antwortete postwendend. In der 25. Minute versenkte der quirlige Iuliu Falub nach Vorlage von Jorge Cunha den Ball trocken ins Eck - 1:1. Und als kurz vor der Pause Anton Bloch (40.) nach sehenswerter Kombination über Zorrilla und Maniche das 2:1 für die Gäste markierte, roch es nach einer Überraschung. "Wir waren in der ersten Hälfte zu nett", knurrte Pachmann später, "und Nettigkeit bringt im Strafraum selten etwas Gutes." Nach dem Seitenwechsel kam São Raimundo schwungvoll aus der Kabine. Der 20-jährige Agemar Zorrilla zirkelte in der 49. Minute einen Schuss aus 20 Metern in die Maschen - 3:1. Die Gästefans jubelten, Birner ballte die Faust, und Santo André wirkte kurz orientierungslos. Doch wer glaubte, die Partie sei entschieden, hatte die Rechnung ohne den 34-jährigen Benjamin Heighway gemacht. Der Routinier traf nur drei Minuten später (52.) nach Vorlage von Antonio Vaz zum 2:3. Plötzlich war Feuer im Spiel - und zwar richtig. Santo André erhöhte das Tempo, kontrollierte den Ball (am Ende 53,9 Prozent Ballbesitz) und schoss aus allen Lagen - 16 Torschüsse insgesamt. Der Druck wurde belohnt: In der 66. Minute war es Nestor Navarro, der nach kluger Vorarbeit von Vaz zum 3:3 einschob. "Ich hab’ einfach draufgehalten", grinste Navarro nach dem Spiel. "Trainer hat gesagt, nur Mut. Also hab ich den Ball gefragt, ob er Lust hat - und er hatte." Als alle schon mit einem Remis rechneten, kam Heighway nochmal in den Fokus. In der 80. Minute, als die Beine schwer und die Nerven dünn waren, tauchte der Engländer erneut im Strafraum auf und vollendete nach Flanke von Hugo Derlei zum 4:3. Das Stadion explodierte. "Der Typ ist 34, aber läuft wie 24", staunte Mitspieler Leandro de Almeida, "vielleicht trinkt er heimlich Guaraná intravenös." São Raimundo versuchte noch einmal alles, doch das Spiel kippte vollends, als der 17-jährige Rui Ronaldo in der 84. Minute nach einem taktischen Foul die Rote Karte sah. Danach hatte Santo André das Geschehen im Griff. Torwart Jakob Eriksson musste nur noch einmal eingreifen, und als Schiedsrichter Nogueira abpfiff, lagen sich die Blauen erleichtert in den Armen. "Ich kann meiner Mannschaft keinen Vorwurf machen", sagte Gästecoach Birner später in der Pressekonferenz, während er den Stift zerkaute. "Wir haben drei Tore auswärts geschossen - normalerweise reicht das. Aber heute hatten wir es mit einer Truppe zu tun, die einfach nicht totzukriegen war." Pachmann hingegen wirkte zufrieden, aber nicht euphorisch: "Wir haben Moral gezeigt. Und vielleicht sollte ich Semedo öfter vorn aufstellen - der hat ja anscheinend Spaß daran." Statistisch war es ein enges Duell: 16:11 Torschüsse, leichtes Ballbesitzplus für Santo André, Zweikampfquote knapp über 52 Prozent. Fußballästheten wurden belohnt, Defensivtrainer eher traumatisiert. Und während die Flutlichter langsam erloschen, sagte ein älterer Fan auf der Tribüne, der sich mit Santos das letzte Bier teilte: "Wenn man vier Tore braucht, um zu gewinnen, ist das nichts für schwache Nerven - aber genau deshalb kommen wir wieder." Ein treffendes Fazit für einen Abend, an dem der Fußball in Santo André in seiner chaotisch-schönen Form zu sehen war: laut, wild, unberechenbar - und einfach wunderbar brasilianisch. 16.01.643991 11:25 |
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Man darf über ihn jetzt nicht das Knie brechen.
Rudi Völler