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Wenn sich an einem lauen Märzabend 4499 Zuschauer im Weddinghofener Stadion versammeln, ahnt man selten, dass sie Zeugen eines Fußballstücks zwischen Genie und Wahnsinn werden. Doch das 4:4 (2:1) gegen den FK Pirmasens war genau das: ein wilder Ritt durch alle emotionalen Landschaften, die diese Sportart zu bieten hat - inklusive eines Hattricks, einer Roten Karte und eines Schlussakkords, den man getrost als "Regionalliga pur" bezeichnen darf. Schon in der siebten Minute bebte das Stadion, als Weddinghofens Stoßstürmer Stijn Cornet nach einer Ecke von Ingmar Jonsson den Ball per Kopf über die Linie drückte. "Ich hoffe, mein Friseur hat das gesehen", grinste Cornet später - die Frisur saß nämlich trotz Jubeltraube tadellos. Weddinghofen legte nach: In der 34. Minute zirkelte Zahit Turan nach Vorarbeit von Ilias Fojut den Ball unhaltbar ins lange Eck. 2:0, und Trainer Luca Pappagalo rieb sich zufrieden die Hände. Doch Pirmasens ließ sich nicht lange bitten. Kurz vor der Pause traf Archie MacAlister nach feiner Vorlage von Alexander Satchmore zum 2:1-Anschluss. "Wir wussten, dass Weddinghofen gerne ein bisschen träumt, wenn sie führen", meinte Pirmasens-Coach Gudrun Schweitzer mit einem Augenzwinkern. Sie sollte Recht behalten. Die zweite Hälfte begann turbulent. In der 49. Minute köpfte Tiago Gomes nach einer Ecke von Niko Bock den Ausgleich - ein seltener Moment, dass ein Innenverteidiger plötzlich Torgeschmack entwickelt. Doch kaum hatten die Gäste zu Ende gejubelt, schlug Cornet erneut zu (50.). Wieder ein Kopfball, diesmal nach Vorlage von Iuliu Barbulescu. 3:2 - und das Spiel war endgültig auf Betriebstemperatur. Pirmasens antwortete mit jugendlicher Unbekümmertheit: Der erst 20-jährige Linksverteidiger Samuel Reid drosch in der 60. Minute aus spitzem Winkel zum 3:3 ein. Wieder war Satchmore beteiligt, der an diesem Abend auf der rechten Seite ein Dauerlaufprogramm absolvierte, das jedem Fitnesscoach Tränen in die Augen getrieben hätte. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", gestand Weddinghofens Torwart Ralf Adam später. "War er aber nicht. Leider." Nur zwei Minuten später wieder Cornet - sein dritter Treffer an diesem Abend, diesmal nach feinem Zuspiel von Fojut. 4:3. Weddinghofen tobte, und Pappagalo brüllte an der Seitenlinie: "Jetzt spielen wir’s runter!" Das wollte seine Abwehr offenbar wörtlich nehmen - insbesondere Ingmar Jonsson, der bereits bei der ersten Ecke assistiert hatte, dann aber in der 68. Minute mit gestrecktem Bein in die Geschichtsbücher flog: glatt Rot. "Ich war halt einen Tick zu früh da", murmelte er schuldbewusst. Mit einem Mann weniger schien Weddinghofen den Sieg über die Zeit bringen zu wollen - aber Pirmasens hatte andere Pläne. In der 82. Minute war es ausgerechnet Satchmore, der sich für seine Vorlagenarbeit belohnte und den Ball aus kurzer Distanz zum 4:4-Endstand einschob. Danach spielte nur noch der Puls eine Rolle. Die Statistik erzählte nach Abpfiff ihre eigene Geschichte: Weddinghofen mit 14 Torschüssen und knapp 53 Prozent Ballbesitz, Pirmasens mit nur sieben Abschlüssen, aber maximaler Effizienz. "Wenn man vier Tore aus sieben Schüssen macht, kann man sich nicht beschweren", grinste Schweitzer, die ihre Elf in der Schlussphase auf Defensive umgestellt hatte - offenbar mit der richtigen Mischung aus Gebet und Glück. Cornet dagegen stand nach seiner Gala etwas verloren auf dem Rasen. "Drei Tore und kein Sieg - das fühlt sich an wie ein halber Albtraum", sagte er und zuckte mit den Schultern. Trainer Pappagalo versuchte es mit Humor: "Wenn wir jedes Mal vier Tore schießen, bin ich ein glücklicher Mann. Vielleicht nicht in der Tabelle, aber im Herzen." Die Zuschauer verabschiedeten beide Teams mit Applaus - oder vielleicht war es auch bloß erleichtertes Klatschen, dass der Wahnsinn endlich vorbei war. Ein 4:4, das keiner erwartet hatte, aber jeder über Wochen weitererzählen wird. Und irgendwo in der Kabine soll Weddinghofens Betreuer leise gesungen haben: "So spielt man kein 0:0." Nun ja, das hat an diesem Abend wirklich niemand versucht. 19.01.643994 21:35 |
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Mario Basler